Nach dem kurzen Ausflug nach Franken geht es im Juni zurück an die Ostsee. 530 Kilometer trennen  das Wasserschöpfrad von diesem Anblick.

Es ist Freitagnachmittag, gegen halb fünf; der 17. Juni 2011.
Felsbrocken, eine Betonmauer, seichte Wellen. Das Weiß mehrerer Segel vor dem Grün des Hintergrundes. Dazu viel Grau. Ein nahezu kontrastloser Himmel. Und mittendrin ein einsamer Beobachter – ein beobachteter Beobachter. Stille.
Ein vielsagendes Bild, das an einem für ich besonderen Ort entsteht und das soviele Geschichten in sich vereint.
Willkommen am Bülker Leuchtturm, am Nordende der Kieler Förde. Willkommen zu einen Moment des Abschaltens nach einem langen Tag.

Ein Tag, der zum Beginn eine langen Reise wird. Wir starten morgens in einem beschaulichen Odenwalddorf und begeben uns mit zwei vollgepackten Fahrzeugen auf die Autobahn gen Norden. Kurz vor Hamburg trennen sich unsere Wege. Während ich weiter auf der A7 bleibe, verabschiedet sich Fahrzeug 2 auf die Vogelfluglinie gen Lübeck und Fehmarn. Ein kleiner Auszug aus meinen damaligen Gedanken:
„Ich schwenke wieder gemütlich auf die A7 ein. Etwa drei Stunden später erreiche ich Kiel. Unterwegs passiert so einiges: Kurz hinter Soltau passiert mich eine 25-Fahrzeuge-umfassende Kolonne der Landespolizei NRW; im Elbtunnel werde ich zu einer Vollbremsung genötigt; durchs Hamburger Stadtgebiet geht es nur schleppend, die Gegenrichtung ist komplett dicht; graue Wolken und ein paar Tropfen ab HH lassen nichts Gutes erwarten.
Punkt 16h ist Ankunft in der Fördestadt.“
Bis zum Befahren der Fähre bleibt noch Zeit. Diese nutze ich für den kleinen Abstecher zum Bülker Leuchtturm. Warum aber fahre ich ausgerechnet so zielstrebig hierhin? Nun, so ganz unbekannt und neu ist die Gegend für mich nicht, aber dazu später mehr.

Eines der ersten Bilder, das am Leuchtturm entsteht ist das Kalendermotiv. Weitere Aufnahmen folgen. So der Blick rüber nach Laboe, mit dem markanten Marine-Ehrenmal.

Blick nach Laboe

Auch hier ist wieder eines der viele Segelboote zu erkennen, die sich im nördlichen Bereich der Förde tummeln. Da muss doch was sein?
Ein weiteres Bild zeigt den eher versteckten Leuchtturm.

Bülker Leuchtturm

Es scheint jetzt nicht unbedingt der perfekte Ort zum Ausruhen zu sein. Oder doch? Er ist es gerade.
Nachdem ich aus der hektischen Großstadt – scherzhaft „Landeshauptdorf“ genannt – gefahren bin, erreiche ich alsbald den kleinen Ort Strande. Von dort schlängelt sich eine schmale Straße am Wasser entlang nach Norden. Und hier ist dann wirklich nichts mehr von dem Getümmel in der Stadt. Hier rauscht nur noch die Ostsee. Gerade bei dem grauen Wetter ist das sehr erholsam.

Doch weiter in meiner Bilderschau.
Den kurzen Moment der Ruhe tausche ich bald wieder gegen rege Betriebsamkeit ein. Es ist etwa 17:30 Uhr als ich die Fähre erreiche. Leider eines der neuen, LKW-gerechten, Schiffe. Viel Platz für Fahrzeuge, eher weniger für Passagiere und dazu ein überschaubares gastronomisches Angebot.
„In meiner kleinen Kabine kann ich mich erstmal von den knapp 700 Autobahnkilometern ausruhen, ehe gegen 19h meine Runde ums Schiff beginnt. Die Förde-Ausfahrt bei grauem Himmel und wenigen Sonnenstrahlen will ich mitnehmen.“
Das Oberdeck ist eine riesige ebene Fläche, auf der sich die Passagiere sehr großzügig verteilen.

Oberdeck der Fähre während der Ausfahrt

Immerhin ist es trocken und doch lässt sich die  Sonne nur verschämt zwischen dem Einheitsgrau blicken.
Ein erster Blick geht auf das Südende der Förde, „Hörn“ genannt.

Blick auf die Hörn

Hier wimmelt es nur so von Booten unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Alters. Die kleine Fördefähre verschwindet fast hinter den Großseglern. Im Hintergrund das Stadtpanorama mit vielen Neubauten. Das rege Treiben an diesem Freitagabend ist nur vage wahrzunehmen. Einzig am Ende des Wasser lugen ein paar weiße Zeltdächer hervor. Auf der Hörnbücke sind Spaziergänger – wohl Besucher einer Veranstaltung.

Langsam bahnt sich das massige Schiff seinen Weg durch die anfangs schmale, sich bald öffnende Förde. Oft begleiten uns Boote.
Gegen halb neun sind wir zurück am Bülker Leuchtturm.

Blick zum Leuchtturm

Mein verträumter Blick schweift über die sanften Wellen. Der Turm ist zwischen den Bäumen kaum auszumachen. Stilsicher zieht ein Segelboot an uns vorbei.

„Bin eine Stunde auf Deck und halte bis Bülk durch, dann wird es mir zu kalt. Zeit zum Futtern. Das kulinarische Angebot ist eine große Enttäuschung. Günstige warme Speisen, wie auf den alten Schiffen, suche ich vergeblich. Stattdessen gibt es Kekse und Wasser in der Kabine. Der Abend klingt mit Zeitung-lesen und Sonnenuntergang-fotografieren aus.“

Und damit könnte diese Geschichte auch schon vorbei sein. Könnte…

Der nächste Morgen.
„Nach einer eher unruhigen Nacht auf See erwache ich vor der schwedischen Küste. Es ist Samstag, der 18. Juni. Das recht leckere Frühstück entschädigt etwas für den gestrigen Abend. Nach ein paar Kaffees und Brötchen schwinge ich mich zurück aufs Oberdeck, um die Hafeneinfahrt nach Götet zu genießen und bildlich festzuhalten. Bei 15° und etwas Sonne ist es angenehm auf dem riesigen Deck. Ich lasse mir die Brise aus Meeresluft und Industrieabgasen ein Halbe Stunde um die Nase wehen.“
Hmm… „Götet“? Warum diese doch sehr vertraute Bezeichnung für eine Stadt? Nun, Ich liebe sie und bin froh wieder in die Westküsten-Metropole Göteborg zu kommen. Während der Einfahrt entsteht das folgende Bild, das den Bogen zu mehreren Bildern und Texten spannt:

Dunstiges Göteborg-Panorama am Morgen

Älvsborgsbron & Masthuggkyrkan – die beiden Landmarken der Stadt! Jede Ankunft zu Wasser ein Erlebnis. Wie das wuchtige Fährschiff zwischen den winzigen Inselchen hindurch navigiert und der Schornstein fast an der Brückenunterkante kratzt. Sie ist zum Greifen nah. Wie die unzähligen bebauten Hügel immer näher kommen und sich langsam der Blick auf die Stadt weitet.
Ein bisschen was dazu schrieb ich in meiner Kalendergeschichte vom August 2021.

Und es gibt eine weitere Verbindung zu früheren Geschichten. Ist doch die Ankunft in Göteborg der richtige Beginn meiner 2011-er Skandinavien-Reise. Insgesamt 7 Bilder finden sich im 2021-er Kalender. In chronologischer Reihenfolge findet ihr sie hier:
20.06.2011 – Mai; 23.06.2011 – Juni; 25.06.2011 – November; 05.07.2011 – September; 05.07.2011 – Februar: 06.07.2011 – Dezember: 11.07.2011 – März

Aber ich bin Euch noch etwas schuldig. Warum dieser Ort und was ist da eigentlich in Kiel los, dass soviele Segelboote unterwegs sind?
Dazu nehme ich Euch zurück in die Zeit von April 2004 bis Januar 2007.

Ich wollte studieren und irgendwie auch raus aus Heidelberg – in dessen Umgebung ich kaum 4 Jahre zuvor gezogen war. Meine Liebe zu Schweden und zu allem Schwedischen brachte mich zu alten Saabs. Und um diese legendären Fahrzeuge der 1980-er Jahre hatte sich um das Jahr 2000 eine Liebhabergemeinde entwickelt. Mein zweites Auto wurde im März 2002 ein Saab 900 – irgendwie schrullig und aus der Zeit gefallen, aber ungemein praktisch und sympatisch. Mein weißer „Troll“ begleitete mich viele Jahre.
Hier eine der erhaltenen Aufnahmen – noch mit analoger Technik fotografiert:

Mein „Troll² 2003 in Nordfinnland

Ich suchte im Netz nach den Gleichgesinnten. Dabei stieß ich auf ein Saab-Treffen, das im Juni 2002 in der Gegend um Kiel stattfinden sollte. Ich meldete mich an und genoss den Tag in Schleswig-Holstein.
Bald darauf reifte die Idee, doch nach Kiel zu studieren zu gehen. Es dauerte knappe 2 Jahre, ehe ich mich an der dortigen Uni einschrieb. Skandinavistik und Geschichte wurden die Fächer, noch ganz klassisch auf Magister. Meinen Wohnheim-Platz bekam ich in einer modernen 5-er-WG im Norden der Stadt, nahe des Nord-Ostsee-Kanals und kaum 10 Fahrradminuten von der Uni entfernt.
Trotz Rad und Semesterticket erkundete ich die Gegend ausgiebig mit dem Auto. Und so entdeckte ich auch den Bülker Leuchtturm. Nur gute 15 Kilometer von meinem Zimmer entfernt wurde es ein Ort der Ruhe für mich. Ich weiß leider nicht mehr, wie oft ich dorthin gefahren bin; ob ich dort auch mit dem Rad war. Zulang ist es her. Aber es war nach der langen Autofahrt des 17.06.2011 der perfekte Ort um kurz abzuschalten.
Kiel lernte ich als eher verträumte Studentenstadt kennen. Der oben genannte Kosename „Landeshauptdorf“ erschien mir sehr sinnvoll. Hat doch diese knapp 250.000 Enwohner zählende Stadt nicht einmal eine Straßenbahn. Diese wurde in Zeiten des Autobooms zwischen 1960 und 1985 abgeschafft. Und bis auf wenige Ausnahmen – zwei größere Neubaugebiete in Mettenhof und Elmschenhagen und wenige erhaltene Gründerzeithäuser – war und ist alles sehr ländlich. Die Innenstadt winzig und austauschbar, da Kiel als wichtiger Marinestützpunkt im 2. Weltkrieg nahezu komplett dem Erdboden gleich gemacht worden war. Nicht besonders ansprechend also für ein Großstadtkind wie mich. Auch dass das wichtigste in Kiel die Verbindung nach Hamburg sei, macht es nicht besser. Kiel hatte und hat vor allem eines zu bieten: viel Wasser. Von der Innenstadt führt ein Radweg immer entlang der Förde nach Norden. Dazu gibt es drei Überreste des früheren Wasser-Schutzes der Innenstadt, den zweiteiligen „Kleinen Kiel“ und den „Bootshafen“ – heute kaum mehr als größere Teiche in der Innenstadt.
Veranstaltungen und große Ereignisse? Ebenfalls eher Mangelware. Bis auf eine sehr wichtige Ausnahme: Die „Kieler Woche“, eines der größten Segelsport-Ereignisse und Volksfeste der Republik. Um das dritte und vierte Juni-Wochenende ist die Stadt voll. Während die Segelregatten eher im Norden stattfinden – gut auf den Bildern aus Bülk zu sehen – ist das Volksfest in der gesamten Innenstadt. Deshalb auch die vielen Festzelte an der Hörn. Dazu gibt es während der 10 Tage eine internationalen Markt und viele Konzerte und Veranstaltungen. All dies erlebte ich insgesamt drei Mal, hielt mich bis auf wenige Ausnahmen aber von den Menschenmassen fern. Höhepunkte waren zu meiner Zeit die Großsegler-Parade am zweiten Samstag und das opulente Abschlussfeuerwerk am Tag darauf.

Auch wenn meine Zeit in Kiel lange vorbei ist, besuche ich die Stadt gern, wenn auch in den letzten Jahren viel zu selten. Ich vermisse ein wenig die Zeit in der Abgeschiedenheit und Beschaulichkeit der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. 2011 erwischte ich den Freitag vor der offiziellen Eröffnung der „Kieler Woche“. Quasi das Vorglühen vor den richtigen Feierlichkeiten.
Meinen alten Saab gibt es seit knapp 13 Jahren auch nicht mehr; das Unternehmen ist längst Geschichte. Und doch ist da noch viel Liebe in mir; der Wunsch irgendwann mal wieder ein solches Auto zu besitzen. 2023 werden auch die letzten Modelle zu Oldtimern – 30 Jahre nach Ende der Produktion. Sie sind jetzt schon rar und teuer.

Und mit diesen Worten endet mein kleiner Ausflug in die eigene Geschichte.

Hier sind die technischen Daten zum Bild:
Datum & Uhrzeit: 17.06.2011, 16:27 Uhr
Kamera: Nikon D90
Objektiv: Nikkor 18-105 VR
Brennweite: 90mm
Blende: f/8
Verschlusszeit: 1/250s
ISO-Wert: 200

Im Juli reisen wir ins Hochgebirge – an’s andere Ende der Republik.

Bis dahin,

— SnusTux|René M. – 01/06-2022 (26.05.2022)