Willkommen zur├╝ck.
Dieser Text ist eine Fortsetzung meines sehr ausf├╝hrlichen Artikels vom letzten Oktober. Diesen findet Ihr hier:
Oktober 2020, Zur├╝ck in Dresden ÔÇô Viele Bilder & ein paar Gedanken

Ich war nun erneut f├╝r ein paar Tage in der gro├čen Stadt an der Elbe und habe dabei weitere ÔÇô auch neue ÔÇô Eindr├╝cke gesammelt. Die gesamte Galerie findet Ihr dieses Mal am Ende des Textes.
Viel Spa├č bei dieser weiteren (Gedanken-)Reise.

Ich m├Âchte das Ganze ein wenig thematisch ordnen und in vier Teile gliedern.
Beginnen wir mit einem der gro├čen Neubaugebiete der Stadt ÔÇô Prohlis. Entstanden in den sp├Ąten 1970-er und fr├╝hen 1980-er Jahren war es in meiner fr├╝hen Kindheit ein Sehnsuchtsort. Moderne Wohnungen mit viel Ausstattung und Fernw├Ąrme. Ein krasser Kontrast zum Altbau mit Kohleofen in dem ich damals wohnte. Und das nur einen Steinwurf entfernt. W├Ąhrend meiner Dresdner Jahre kam ich in den Genuss, verschiedenste Wohnung der DDR-Fertigteile-├ära besuchen zu d├╝rfen. Damals und heute gab es daf├╝r zwei Begriffe: das eher ehrf├╝rchtig-sehnsuchtsbeladene, bereits erw├Ąhnte, „Neubaugebiet“ und das abwertende „Plattenbausiedlung“. Gerade ersteres Wort war bei mir damals in Gebrauch. Ich war h├Ąufig in Leuben zu Gast bei meinen Gro├čeltern v├Ąterlicherseits. Eine recht ger├Ąumige und eher helle 2-Zimmer-Wohnung mit winzigem Badezimmer, ebenso winziger K├╝che und riesigem Wohnzimmer mit Balkon davor. Sehr angenehm und mit Wohlf├╝hlfaktor, vielleicht auch wegen der modernen Ausstattung. Ein besonderes Detail waren und sind dort die Dr├╝ck-Lichtschalter, die so mehr Funktionen erf├╝llen konnten, als das klassische „Ein|Aus“ von Kipplichtschaltern. So lie├čen sich mehrere Lampen eines Raumes steuern. Irgendwie angenehm und praktisch, aber doch gew├Âhnungsbed├╝rftig. Letzteres galt auch f├╝r die K├╝che, die vielleicht 4m┬▓ misst und zum Wohnzimmer mittels Durchreiche verbunden ist. Platz war dort f├╝r h├Âchstens 3 Personen, die sich dann allerdings sehr nahe kamen und ├Âfter mal im Weg standen. Erlebt habe ich das bei einigen Familienfeiern in gro├čer Runde. Auch in Seidnitz war ich als Kind recht oft. Dort war der Grundriss identisch und um ein (Kinder-)Zimmer erweitert. Weniger Erinnerungen habe ich an die Besuche in Gruna und eben Prohlis. Allen Wohnungen war allerdings das riesige Wohnzimmer mit Minik├╝che und Durchreiche gemein.
W├Ąhrend ich so an diesem Text schreibe, beginne ich ein wenig zu recherchieren um welche Geb├Ąudetypen es sich dabei gehandelt haben k├Ânnte. Recht schnell wird klar, dass es eben nicht der ÔÇô DDR-weit so verbreitete und quasi Standard-Typ „WBS-70“ ÔÇô sein konnte. Bei diesem liegen die K├╝chen au├čen und haben ein Fenster. Bei all dem, was ich erlebt habe waren die K├╝chen stets innen. Also muss es sich um den fr├╝heren Typen „P2“ oder eine Abwandlung desselben handeln. Dem ist auch so. Dazu gibt es im Stadtwiki von Dresden einen Artikel, der meine Vermutung best├Ątigt.
Es ist ├╝ber 20 Jahre her, dass ich das letzte Mal in einer solchen Neubauwohnung war. Nun war es wieder soweit, bedingt durch den Umzug meiner Mutter in eine solche kleine Wohnung in Prohlis. Es f├╝hlt sich dennoch komisch an, auch wenn ich selbst in einem Wohngebiet der 70-er und 80-er wohne. Hauptunterschied zwischen dem Emmertsgrund und Prohlis ist der Abwechslungsreichtum. Hier bei mir gibt es sehr verschiedenartige Wohngeb├Ąude, vom kleinen 2-3 geschossigen Reihenhaus bis zu 15-geschossigen Punkthochh├Ąusern ÔÇô alle in doch unterschiedlicher Architektur. Dazu gibt es einige spezielle Treppen-Hochh├Ąuser, was der Topografie des Stadtteils geschuldet ist, der an einem leicht ansteigenden Hang liegt und durch die H├Ąuser architektonisch aufgegriffen wir.
Prohlis ist… monoton. Und grau. Und doch irgendwie gr├╝n. Das trifft auf den Emmertsgrund aber noch wesentlich st├Ąrker zu. Die langen Fassaden schrecken ab, m├Âgen sie auch durch die Modernisierungs- und Umbauarbeiten der Nachwendezeit entsch├Ąrft worden sein. In mir macht sich trotzdem Unwohlsein breit. Bedingt mag das vielleicht auch durch meine Gymnasialzeit sein, wo ich am Nordostende von Prohlis eine der vielen Typenschulen besuchte und den restlichen Stadtteil weitgehend mied. Schwer zu beschreiben das alles. Deshalb m├Âchte ich ein paar Bilder von Prohlis zeigen.

Prohliser Allee - Grau und Gr├╝n

Mein Sinnbild f├╝r ein Neubaugebiet. Diese 10-geschossige H├Ąuserzeile erstreckt sich ├╝ber 300 Meter entlang der Prohliser Allee. Die B├Ąume sind nach gut 40 Jahren recht imposant geworden.
Es gibt noch einige Wohnbl├Âcke, die nur wenig oder garnicht saniert wurden und den klassischen DDR-Charme haben, so wie an der Finsterwalder Stra├če.

Aus der Zeit gefallen

Der Zahn der Zeit hat an den H├Ąusern genagt. Die omnipr├Ąsente Kieselsteinstruktur der Platten ist gut zu erkennen. Und der Anblick dieser Fassade macht mich traurig. Vermutlich wohnen in diesen wenig-/unsanierten Blocks eher Menschen, die finanziell sehr schlecht dastehen und froh sind, ├╝berhaupt eine Wohnung zu haben. Die typischen DDR-Gardinen, die sich im vorletzten Geschoss zu erkennen sind, best├Ątigen diesen Eindruck.
Spazieren wir weiter durch Prohlis…

Ladenpassage im modernisierten Block

├ťberall Platten. Und so gut wie keine Menschen. Es wirkt so leer und einsam. Es wirkt absto├čend und monoton, trotz der vielen B├Ąume.

Prohliser Dreiklang aus langen H├Ąuserblocks, einer Typenschule und den Punkthochh├Ąusern

Auch hier sehe ich keine Menschenseele. Einsamkeit in der Gro├čstadt.
Markant sind die 16-geschossigen Punkthochh├Ąuser, anhand derer Prohlis sehr gut im Elbtalkessel zu finden ist. Gerade nachts fallen sie durch die beleuchteten Treppenh├Ąuser auf – selbst von den 15 Kilometer entfernten Radebeuler Weinbergen.

16-Geschosser am Albert-Wolf-Platz

Der allmorgendliche Anblick w├Ąhrend meiner Gymnasialzeit. Und immer noch sehr pr├Ąsent in meinen Erinnerungen.

Der Spaziergang geht langsam zuende. Ein paar Lichtblicke m├Âchte ich Euch abschlie├čend noch zeigen. Zuerst ein Bild mit einer eher ungew├Âhnlichen Geschichte und Bezug zu einer weit entfernten Stadt. Ihr erinnert Euch vielleicht noch an dieses Bild aus dem August 2019:

Vasaparken, Blick auf die Balkonlandschaft von Kristinelundsgatan

Verspielte Gr├╝nderzeitarchitektur in G├Âteborg. Knapp zwei Jahre setze ich die Idee in Prohlis um:

Prohliser Balkonlandschaft

Gr├Â├čer k├Ânnte der Kontrast kaum sein.
So ganz unbelebt ist es dann aber doch nicht. Das Neubaugebiet mit seinen vielen B├Ąumen bietet Unterschlupf und Nistpl├Ątze f├╝r viele V├Âgel. Diese besuchen dann auch h├Ąufig die Balkone.

Gefiederter Balkonbesucher

Gerade in den Morgen- und Abendstunden ist der Gesang sehr pr├Ąsent und bringt Abwechslung.

Es gibt weitere ├ťberbleibsel aus der Entstehungszeit von Prohlis ÔÇô schn├Âde und doch sch├Âne Stra├čenlaternen; ein besonderes St├╝ck DDR-Industriedesign.

DDR-Design

Ein St├╝ck Dresdner Geschichte und DDR-Designs findet sich nach langer Zeit in der Versenkung am Albert-Wolf-Platz ÔÇô der, von Leonie Wirth gestaltete, Pusteblumenbrunnen.
W├Ąhrend meiner Kindheit und Jugend standen sie auf der Einkaufsmeile Prager Stra├če im Zentrum und sind ein pr├Ągender Teil meiner Erinnerungen. Im Zuge des Umbaus der Stra├če nach 2000 verschwanden einige dieser Brunnen. Und wurden erst 2009 am heutigen Standort aufgestellt. Leider ist der gesamte Bereich um die Brunnen eher wenig einladend. Trotzdem sind sie ein Kleinod der Stadt, das es zu entdecken gilt und lohnenswert ist ein Besuch allemal. Hier gibt es etwas mehr zu den Pusteblumen.
Nachfolgend drei Bilder:

Den zweiten Teil widme ich meiner alten Schule, bzw. dem, was daraus geworden ist.
In meinem letzten gro├čen Text habe ich bereits ein paar Eindr├╝cke geschildert und die Entwicklung des Gel├Ąndes ein wenig beleuchtet. Bei einem l├Ąngeren Spaziergang durch Prohlis wollte ich nun sehen, was mit dem recht gro├čen Gel├Ąnde in den letzten 20 Jahren passiert ist. So viele Erinnerungen h├Ąngen daran. Immerhin war die f├╝r 8 Jahre mein zweites Zuhause. Unz├Ąhlige Stunden habe ich im Geb├Ąude, auf dem Schulhof, in der Sporthalle und auf dem Sportplatz verbracht. Alles nahezu vergessen und ins Dunkel meiner eigenen Geschichte verschwindend. Und das deckt sich auffallend mit dem Ist-Zustand der Anlage im Sommer 2021. Statt Dunkelheit holt sich die hiesige Flora das Gel├Ąnde zur├╝ck und verdeckt das Gewesene. Einzig Erinnerungen bleiben an die vielen Jahrg├Ąnge, die hier ├╝ber mehr als 20 Jahre f├╝r ihr Leben lernten. Der Abschied als Gymnasium war im Sommer 2004. Die S├Ąchsische Zeitung berichtete damals dar├╝ber. In diesem Artikel wir auch Frau Neumann erw├Ąhnt, die mich w├Ąhrend meiner gesamten Gymnasialzeit begleitete und die ich bis heute in guter Erinnerung habe. In den DNN von September 2015 findet sich ein kurzer Abriss ├╝ber die Zeit danach und was damals geplant war. Diese Pl├Ąne wurden nicht umgesetzt und schlie├člich im Sommer 2017 begraben, wie die SZ berichtete. Schade. Seitdem ist wenig passiert. Das Gel├Ąnde und die Geb├Ąude vom Typ „Dresden Atrium“ verfallen langsam.

Auf dem Sportplatz entdecke ich ein einsames Tor zwischen den sprie├čenden Pflanzen.

├ťberreste auf dem Sportplatz

Gut zu erkennen sind die unterschiedlichen Farben des Untergrundes. Die Rosat├Âne zeugen von der fr├╝heren Aschebahn auf der ich unz├Ąhlige Sprints absolvierte und nicht weniger oft zu Langstreckenlauf antreten durfte. Gemocht habe ich das weniger. Dahinter ist die Sporthalle zu erkennen, die in den sp├Ąten 90er Jahren mit einem modernen Hallenboden ausgestattet worden war. Ich erinnere mich dabei noch an die damalige Ansage „Bitte nur mit abriebfesten Schuhen betreten!“. Trotzdem lag immer ein Hauch von DDR ├╝ber und in der Halle, was auch an den Sportger├Ąten zu erkennen war.
Die folgenden beiden Aufnahmen zeigen einen Blick in den riesigen Schulhof vor den beiden, versetzten, Geb├Ąudeteilen:

Gr├╝n & Grau No. 1
Gr├╝n & Grau No. 2

Ich erinnere mich an die eher kleinen B├Ąume, die auf Gr├╝n-Inseln wuchsen und die zubetonierte Fl├Ąche auflockerten. Die B├Ąume sind mittlerweile recht stattlich, der Beton aufgebrochen und von Wildwuchs langsam ├╝berwuchert. Dieser Anblick macht mich ein wenig traurig und fasziniert doch irgendwie. Gerade der einsame Gartenstuhl l├Ąsst viel Raum f├╝r eine Hintergrundgeschichte. Ein Stuhl┬á mitten in der Natur und doch in einer Betonw├╝ste. Kontraste und Brechungen. Im oberen der beiden Bilder ist der fr├╝her Hauptzugang zum Schulhof vage zu erahnen. Die Fenster, die wohl noch im Originalzustand der sp├Ąten 70er/fr├╝hen 80er Jahre sind bieten einen kleinen Einblick in die dahinterliegenden fr├╝heren Klassenr├Ąume. Einfach und doch durchdacht diese industrielle Schulbauweise, die lange das Bild der Neubaugebiete in der Stadt pr├Ągte und es bis heute tut. In der Stadtwiki Dresden gibt es einen umfangreichen Artikel zu diesem typisch Dresdener Schultyp mit geschichtlichen Hintergr├╝nden.

Seitenwechsel. Ich bin wieder zur├╝ck auf der Vorderseite; stehe auf dem riesigen Vorplatz voller Stolperfallen. Dabei entsteht dieses vielsagende Bild, das ich auf Knieh├Âhe aufnehme:

Wildwuchs zwischen Platten

Im Herbst 2020 schrieb ich folgende Zeilen zu meinen damaligen Eindr├╝cken: „Die Steine werden langsam ├╝berwuchert und doch f├╝hlt es sich tot an. Das Leben ist von diesem Platz gewichen. Beim Anblick stieg tiefe Trauer in mir auf. Ich bin gespannt, was aus dem Gel├Ąnde werden wird.“
An diesem Gef├╝hl hat sich wenig ge├Ąndert. Trauer schwingt mit. Gerade das Leblose trifft perfekt. Hoffnung, dass sich an der Situation recht bald was ├Ąndern wird habe ich kaum. Fr├╝her oder sp├Ąter wird das Gel├Ąnde so verfallen sein, dass sich eine Instandsetzung kaum noch lohnen w├╝rde. Es scheint alles auf Abriss und Neubau hinauszulaufen. Dresden w├Ąchst, die Sch├╝lerzahlen steigen seit Jahren. Die Stadt braucht neue Schulen, gerade in einem so gro├čen Stadtteil wie Prohlis. Ich werde das Ganze aus dem Augenwinkel mitverfolgen.
Zum Abschluss dieses Kapitels ein Blick zum fr├╝heren Schulgarten und dem Teil des Geb├Ąudes, in dem sich ├╝ber mehrere Jahre mein Klassenzimmer befand ÔÇô oberhalb der dunklen Wandbemalung.

R├╝ckblick

In diesem dritten Teil nehme ich Euch zu einer kleinen Besonderheit Dresdens mit. Mit dieser Besonderheit verbinden mich einige Jahre meiner Jugend. Es geht um die Parkeisenbahn die ihre gut 5,5-Kilometer lange Runde im Gro├čen Garten dreht. Das nachfolgende Bild zeigt mich um 1994 am Stra├čburger Platz in Uniform ÔÇô stolz darauf, ein Mini-Eisenbahner zu sein.

Ganz in Blau

Meine Zeit bei der Parkeisenbahn w├Ąhrte etwa 4 Jahre ÔÇô von Herbst 1991 bis Herbst 1995. Die Erinnerungen daran sind teilweise sehr verblasst. Sie beginnen in einer alten Villa gegen├╝ber der Paluccaschule; mit allw├Âchentlichen Spazierg├Ąngen von der Stra├čenbahn dorthin und wieder zur├╝ck, oft bei Dunkelheit. Und sie beginnen mit viel Geschichte. Es war die Zeit des Umbruchs. Die DDR hatte ein gutes Jahr vorher aufgeh├Ârt zu existieren. Von heute auf morgen wurden Spuren verwischt und Zeugnisse dieser vergangenen Zeit beseitigt. Gerade bei fr├╝heren staatlichen Institutionen war dies nicht so einfach. Und ich nutze den Begriff „staatlich“ sehr bewusst. Die Parkeisenbahn hie├č bis 1990 „Pioniereisenbahn“ und war der DDR-Jugendorganisation unterstellt. In so kurzer Zeit konnten keine neuen Dokumente und Handb├╝cher gedruckt werden, keine neuen Uniformen beschafft werden. Stattdessen riss man Seiten heraus und entfernte Symbole. noch heute besitze ich das „Handbuch des Pioniereisenbahners“ das ich damals bei meinem Eintritt bekam und in dem sich die Grundlagen befinden. Heute ist es ein historisches Dokument, das doch noch im Alltag der heutigen Parkeisenbahner angewendet werden k├Ânnte. Denn an der Grundstruktur dieser Bahn hat sich wenig getan. Noch immer existiert das System der Betriebsabl├Ąufe, das in den 1950-er Jahren entstand.
Im Winter war Schulung angesagt, im Sommer die „Arbeit“ bei der Eisenbahn ÔÇô beides einmal w├Âchentlich. Nach dem ersten Winter startete ich am Haltepunkt „Karcherallee“, das Jahr darauf wechselte ich zum Bahnhof „Carolasee“, um 1994 meinen Dienst am Startpunkt „Stra├čburger Platz“ zu verrichten und das letzte Jahr am Dreh- und Angelpunkt „Zoo“ zu verbringen. Ein klassischer Aufstieg, der Jahr f├╝r Jahr mit mehr unterschiedlichen Diensten verbunden war. Am Zoo ging meine Zeit bei der Bahn auch zuende. Ich hatte andere Interessen und die Schule wurde wichtiger.
2003 besuchte ich meine ehemalige Wirkungsst├Ątte zum ersten Mal. Der alte Bahnhof am Stra├čburger Platz war der Pi├źch’schen „Gl├Ąsernen Manufaktur“ gewichen und etwas weiter s├╝dlich neu errichtet worden. Damals wirkte alles noch sehr neu. Ein Grund nach langer Zeit wieder einen Besuch zu machen.
Die Pandemie sorgt f├╝r Einschr├Ąnkungen. Mein Ursprungsplan, nur einen Teil der Runde zu fahren, muss ich begraben. Entweder Rundfahrt oder nichts. Zudem f├Ąhrt nur ein einziger Zug, was zu recht langen Wartezeiten f├╝hrt. So vergeht eine gute halbe Stunde ehe ich den modernen Bahnhof betreten darf. Nach dem Ticketkauf geht das Warten weiter. Alsbald n├Ąhert sich ein vertrautes St├╝ck Technik auf dem Nachbargleis.

Alles in einem Bild

Die EA01, ein St├╝ck DDR-Technikgeschichte und Industriedesign aus den 60er Jahren. Schon damals war es m├Âglich, aus gespeichertem Strom Bewegung zu erzeugen ÔÇô ein Thema, das in den letzten Jahren immer wichtiger wird. Nachdem die zur├╝ckkehrenden Mitfahrer den Zug verlassen haben, dreht der Minizug eine Runde durch die Wendeschleife um zum Hauptbahnsteig zur├╝ckzukehren.

Einfahrt!

Auf diesem Bild sind die Dimensionen der Eisenbahn gut zu erkennen. Die Spurweite betr├Ągt gerade einmal 381 Millimeter. Lok und Wagen sind nur etwas mehr als einen Meter breit.
Meine Begleitung und ich steigen zu. Wir setzen uns recht weit hinten in einen der ├╝berdachten Wagen. Diese kamen erst nach meiner Zeit dazu und entstanden aus den 4-achsigen Standardwagen. Gut bei schlechtem Wetter oder zuviel Sonne. Wie oft habe ich bei Regen in einem der offenen Wagen als Zugbegleiter gesessen und mir ein Dach gew├╝nscht.
Es geht eng zu, das war mir kaum noch bewusst. Zwei Erwachsene finden gerade so nebeneinander Platz. Die Beinfreiheit ist sehr beschr├Ąnkt. Ich bin froh, dass wir nur zu zwei in einem Abteil sitzen und uns niemand gegen├╝ber sitzt. Denn meine langen Beine brauchen den Platz.

Abfahrt!

Um kurz nach eins beginnt die Fahrt. Der Zug ist gut gef├╝llt ÔÇôso wie es die Corona-Regeln zulassen. Es f├╝hlt sich komisch an. Vertraut und doch fremd. Die Schienenst├Â├če sorgen f├╝r ein monotones und rhythmisches Geklacker ÔÇô Dudumm-Dudumm, Dudumm-Dudumm. Leichter Fahrtwind umweht meine Nase. Die B├Ąume des Gro├čen Gartens sorgen f├╝r viel Schatten. Auf den Wiesen ist Hochbetrieb. Die Stadt ist in ihrer Wohlf├╝hl-Oase unterwegs. Familien mit Kindern, junge Menschen. Bald erreichen wir den Zoo. Mit Langsamfahrt passieren wir den Bahnhof. Kaum was los in der Schaltzentrale. Es ist vertraut. Die Zeit scheint still zu stehen; dieselben geduckten Geb├Ąude; alles wie damals, bis auf die modernisierten Wagen. Weiter geht es zum Carolasee. Auch hier hat sich gef├╝hlt wenig ge├Ąndert. Der Bahnhof ist geschlossen, die Schranke oben. Als Knirps durfte ich hier oft an dem schweren Rad drehen um den Weg zu versperren und den Z├╝gen die Passage zu erm├Âglichen.
Auch auf dem namensgebenden See ist viel los. Familien genie├čen die Abk├╝hlung des Wassers, der Springbunnen in der Seemitte schie├čt kleinste Tr├Âpfchen in die Luft.

In einer langgezogenen Rechtskurve kann ich den Zug in fast gesamter L├Ąnge in Szene setzen.┬á

Minizug

Wir passieren meine allererste Wirkungsst├Ątte an der Karcherallee. Alles so winzig und unscheinbar; hutzelig. Und doch irgendwie trist und kahl. Ich wei├č nicht recht, wie ich das beschreiben soll. Es f├Ąllt mir schwer. Es ist dieses Lavieren zwischen dem Damals und dem Heute; zwischen den Erinnerungen und den neugierigen Beobachtungen; zwischen dem Mittendrin und dem Abstand von fast 30 Jahren.

Haltepunkt an der Karcherallee

Lebendige Geschichte. Gerade diesem Knirps vor mir mit seiner blauen M├╝tze w├╝nsche ich, dass er erz├Ąhlt bekommt, was es mit dieser Eisenbahn auf sich hat. Dass er gerade eine Zeitreise macht; dass er das Faszinierende an dieser 70 Jahre alten Eisenbahn erkennen kann ÔÇô einem lebendigen Denkmal aus einer anderen Zeit und aus einem anderen Land. Dass es etwas ganz besonderes ist, gerade in diesem Moment in diesem Zug zu sitzen.
Ich genie├če. Das sanfte Klackern der Schienenst├Â├če ist wie Musik. Vorfreude vor Geschwindigkeit entlang der Hauptallee. Es war fr├╝her immer ein leichtes Achterbahngef├╝hl hinter dem Bahnhof „Karcherallee“. Abbremsen vor der Linkskurve und dann mit Volldampf Richtung Mitte des Gro├čen Gartens. Heute wohl eher nicht. Oder nehme ich mit diesem zeitlichen Abstand Geschwindigkeit anders wahr? Gut m├Âglich. Oder aber es geht heute doch mit gem├Ąchlichem Tempo voran. Wer wei├č.
Wir passieren den Palaisteich und ich lege das n├Ąchste Ziel des Tages fest. Dazu mehr im letzten Teil. Wenige Minuten sp├Ąter sind wir zur├╝ck am Zoo und passieren die Wagenhalle und den Lokschuppen. Viele Gleise, viele Fahrzeuge.

Wagenhalle am Zoo

Den letzten Kilometer zum Stra├čburger Platz bin ich nochmals im vollen Genie├čermodus. Gedanken fliegen umher. Ich sauge die vielen Eindr├╝cke wie ein Schwamm in mich auf. Ich wei├č, dass es eine Ganze Weile dauern wird, das Alles zu verarbeiten. Es werden mehr als vier Wochen…
Die letzten Meter in der Minieisenbahn. Am Start- und Endpunkt ├Âffne ich die Metallkette des Abteils und verlasse langsam den Wagen und die Anlage. Ein letzter Blick auf die moderne Architektur der „Gl├Ąsernen Manufaktur“.
Mein 12-j├Ąhriges Ich spaziert ├╝bergl├╝cklich von Dannen. Mein 39-j├Ąhriges Ich schweigt…

Moderne Manufaktur

Im vierten und letzten Teil wechsle ich zur├╝ck in den au├čenstehenden Beobachter, eine Rolle in der ich mich sehr wohl f├╝hle.
Nach einem kurzen Abstecher zum Altmarkt fahren wir mit der Stra├čenbahn zur├╝ck zu Gro├čen Garten. ├ťber die Querallee geht es gen Palais. Erneut erhasche ich einen Blick auf den Carolasee.

Sommeridyll

Der Gro├če Garten ist voller Sichtachsen. Mit einfachen Mitteln l├Ąsst sich Weite erzeugen und gleichzeitig verdichten. Die Querallee zieht sich als breiter Betonstreifen durch die Parkanlage. In der Ferne blitzt das massive Palais als Blickfang auf.

Weite Sichtachse

Erneut begegnet mir die Parkeisenbahn, deren Mini-Schienen ich zweimal kreuze. Beim ersten Mal passiert uns gerade der Zug, sodass wir uns eine schattige Bank suchen und auf dessen R├╝ckkehr warten. Ich will die M├Âglichkeit nutzen um ein paar Bilder als Beobachter zu machen. Das gelingt sehr gut und l├Ąsst mich Eisenbahn und Gro├čen Garten in Szene setzen.

Das Palais in der Mitte des Gro├čen Gartens hat schon fr├╝her eine merkw├╝rdige Faszination auf┬á mich ausge├╝bt. Damals wirkte es auf mich be├Ąngstigend; eine verfallende Ruine, kein Platz zum Wohlf├╝hlen. So wirklich dahin getraut habe ich mich fr├╝her nie. Erst durch einige Seiten, die sich mit der Stadtgeschichte befassen, habe ich Zugang gefunden; Neugier und Interesse an diesem wuchtigen Barockbau. Er ist der fr├╝heste in ganz Dresden. Der Wikipedia-Artikel zeigt sehr ausf├╝hrlich dessen Geschichte. Ich f├╝hle mich wohl. Architektur und Geschichte sind meins. Und gerade das Barock hat meiner jetzigen Heimatstadt Heidelberg seinen un├╝bersehbaren Stempel aufgedr├╝ckt.
Die nachfolgende Galerie zeigt die vielen Facetten der Anlage mitten im Gro├čen Garten.

Diese Bilder sprechen f├╝r sich. Die kleinteilige Barockarchitektur ist besonders und doch pr├Ągend f├╝r Dresden.

Der Park ist belebt. ├ťberall Menschen.
Und viele V├Âgel, so wie dieser Rabe, der gem├╝tlich ├╝ber die Wiese spaziert.┬á

Sonntagsspaziergang

Nach dem Durchqueren des Gro├čen Gartens m├Âchte ich noch an die Elbe. M├Âchte den vertrauten und doch neuen Blick vom Waldschl├Âsschen ├╝ber die Stadt erhaschen. So fahren wir mit dem Bus durch Gruna, Striesen und Johannstadt zur Br├╝cke; passieren w├Ąhrenddessen die Medizinische Akademie.
Von der Bushaltestelle auf der Br├╝cke f├╝hrt ein kleine Pfad hoch zum Waldschl├Âsschen mit einem Pavillon.
Die neue, doch unscheinbare, Br├╝cke mit den T├╝rmen der Stadt dahinter. Passend dazu f├Ąhrt ein Schaufelraddampfer der „Wei├čen Flotte“ flussabw├Ąrts.

Zum Abschluss geht es nach Blasewitz an den Schillerplatz. vom „Blauen Wunder“ schweift mein Blick ├╝ber die Elbe zum Fernsehturm.

Turm und Fluss

Ein Sommertag geht zuende; ein Wochende in Dresden.

Diese Reise f├╝hlt sich unmittelbarer und direkter an als die letzte. Das Schwanken zwischen dem Damals und dem Heute ist sehr stark. Ich nutze diese Zeilen um meinem Inneren seinen Raum zu geben; um zu verarbeiten. Um N├Ąhe und Distanz zu schaffen. Ich merke, dass da noch viel unverarbeitet ist; merke, dass es mir nun etwas besser geht.
Es ist einfacher aus 500 Kilometern Entfernung darauf zu blicken, zu wissen, dass da viel ist und dass doch das Jetzt im Hier ist. Diese Zeilen m├Âgen irgendwas abschlie├čen. Gleichzeitig bieten sie Raum f├╝r Neues. Bei der Recherche zu diesem Artikel bin ich auf die Seite das-neue-dresden.de gesto├čen, die sich mit der st├Ądtischen Architektur des 20. Jahrhunderts besch├Ąftigt. Ich entdecke dabei viele Neues und doch teilweise Altbekanntes; entdecke die Stadt f├╝r mich neu. Und ich kann dabei wunderbar in der Beobachterrolle des Au├čenstehenden bleiben. Bei einem meiner n├Ąchsten Besuche, werde ich bewusst bestimmte Orte aufsuchen, zu denen mein Dresden-Ich wenig bis keinen Bezug hat. Ich will und werde die Stadt neu f├╝r mich entdecken.

Danke, dass ihr mich auf dieser Reise begleitet habt.

Bis bald.

ÔÇö SnusTux|Ren├ę M. ÔÇô 27/07-2021