Es geht nach Dänemark. Gute 1.300 Kilometer nach Süden an die Ostsee; an den südlichsten Punkt dieses Kalenders.

Ein sonniger Mittag am 28.06.2013. Sanft rauscht die Brandung am Strand. Es riecht leicht salzig und doch ist die Luft eher trocken. Leise klappern die vielen kleinen, meeresgeschliffenen, Steinchen unter meinen Füßen. Ich bin fast allein am Strand; bin zwischen dem lauen Meer und den majestätischen Kreidefelsen. Ich halte für ein paar Augenblicke inne; beginne zu träumen. Anschließend setze ich meine Wanderung an der Küste fort.
Im Nachgang – während ich diese Zeilen schreibe – läuft ein ganz bestimmtes Lied in meinem Kopf auf Dauerschleife: „Tag am Meer“ von den „Fantastischen Vier“ in der unplugged-Version.

Nach den vielen Eindrücken meiner langen 2011-er-Tour erfolgt nun ein kleiner Zeitsprung in den Juni 2013. Es ist eine dieser spontanen Reisen mit grobem Ziel aber ohne wirkliche Planung. Auch damals schreibe ich ein bisschen Tagebuch für diesen Blog. Den Einstieg in die gesamte Tour beginne ich damals sehr sarkastisch:
„Guten Abend aus einem kleinen Dorf in Hessen und Glad midsommar!
Jawoll, ich bin wieder unterwegs und mir mal wieder sehr treu.
Es ist ja nicht so, dass mein Jobb anstrengend genug wäre, als dass danach noch 5 Stunden Fahrt passen könnten. Nein, 6 Stunden gähnender Langeweile, gefolgt von gut 200 entspannten Kilometern sind doch wunderbar!
Träum weiter, René!“
Um mit einer sehr treffenden Weisheit – die perfekt zu mir passt – fortzufahren:
„Ich bin ja ein bisschen bescheuert, oder verrückt, je nachdem.“

Da dies das einzige Bild dieser Tour ist, erzähle ich etwas mehr davon. Es ist eben jene ‚Fahrt ins Blaue‘ mit Ziel südliche Ostsee. Mit Zwischenstopps in Mittelhessen, im Harz und in Schleswig-Holstein fahre ich auf die dänische Insel Møn. Das alles mit Auto und Zelt. Dabei komme ich in den Genuss unterschiedlichster Zeltplätze und vieler toller Landschaften. Und doch ist es ein Wandeln auf vergangenen Pfaden. Ich reise zurück in meine Jugend und die Zeit meiner ersten größeren Auto-Touren. Besuche einen Zeltplatz am Plöner See, den ich 2002 erstmals kennenlerne und in den ich mich damals verliebe. Auch 11 Jahre später hat er von seinem Reiz wenig verloren.
Ich beginne bei dieser Reise Deutschland langsam zu entdecken und nutze erstmals ganz bewusst Wege abseits der Autobahnen. Ich beginne Deutschland zu erkunden. Das wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken.

Doch zurück auf die dänische Insel.
Ich bleibe zwei Tage auf dem Platz im Norden der Insel, etwas abseits der großen Touristengebiete. Es wir ein Wetter-Roulette. Da für den ersten Tag Sonne erwartet wird, fahre ich zu den Kreidefelsen. Und bin zurück in meiner Jugend – etwa 15 Jahre früher. Es sind diese Erinnerungen, die erst jetzt wieder hervorkommen. Die Erinnerung an das riesige Bild an der Wand in unserer Stube. Dieses Bild mit dem Segelboot auf der Ostsee – fotografiert am Strand von Møns Klint. Es muss im Sommer 1998 gewesen sein. Damals machten wir mit dem Wohnanhänger unsere erste Reise nach Schweden und besuchten dabei auch die riesigen Kreidefelsen.
Nun bin ich wieder dort. Habe mir den ganzen Tag Zeit genommen und bereits vorher eine Wanderung ausersehen. Gegen Mittag erreiche ich das umfangreiche Informationszentrum und lese mich in aller Ruhe in die Geschichte und das Werden der Kreidefelsen ein. Gestärkt trete ich anschließend meine kleine Wanderung an. Dabei kommen doch ein paar Erinnerungen hoch, die sich alsbald bestätigen. Erinnerungen an viele Holztreppen.

Møns Klint, Holziger Abstieg

Es sind sehr viele Treppenstufen! Bei dem hier gezeigten Haupt-Abstieg fast 500! Am Ende werde ich insgesamt zweimal ab- und wieder emporgeklettert sein und wohl weit über 1.000 Stufen beschritten haben.
Unter mir klappert das Holz während ich durch den kühlen Wald dem Strand entgegenstrebe. Anfangs ist noch wenig zu erkennen und nur zu erahnen, wo ich unterwegs bin. Doch recht bald weitet sich der Wald und gibt erste Blicke auf die senkrechten Felsen aus purem Weiß frei – gesäumt von einer messerscharfen Abbruchkante und von Bäumen bewachsen. 

Møns Klint, Kreidefelsen

Mit normalen Brennweiten bekomme ich die ganze Szenerie nicht fotografiert, sodass mein Ultraweitwinkel mit 11 Millimetern Brennweite zu Einsatz kommt. Im Verlauf der fast 4 Stunden Wanderung bin ich froh, dass ich mit einem großen Objektivpark unterwegs bin. Die Ausrüstung liegt schwer auf dem Rücken und doch lohnen sich die Strapazen – werde ich doch so bald nicht wieder an diesen Ort kommen. 

Alsbald bin ich am Strand und fange ein Møns-Klint-Gedächtnis-Motiv ein – in Erinnerung an 1998.

Møns Klint, Strandspaziergang

Hier passt einfach alles. Der Strand, das Boot, das Meer, die Menschen in der Ferne, die Holztreppe. Im Nachgang grüble ich, ob es nicht dieses Motiv verdient gehabt hätte auf diesem Kalenderblatt zu sein. Ich hatte es in Erwägung gezogen und mich letztendlich doch dagegen entschieden.
Die Weite des Strandes und die Mächtigkeit der Kreidefelsen sowie die vielen Linien haben den Ausschlag für das gezeigte Bild gegeben. Dieses entsteht kurz nach dem Boot-Bild. Und es beinhaltet in der Bildmitte doch das obige Motiv – nur ohne Segelboot.

Mein Blick schweift umher; versucht sich irgendwo festzuhalten. Es ist so aufregend und doch gleichzeitig so ruhig. Ich bin fast allein – ungewohnt für die Jahreszeit. Ich genieße alles; lasse mich von der Sonne bräunen und spüre die leichte Seebrise auf meiner Haut. Bin fokussiert auf Fotomotive und doch ganz bei mir. Ich bin in dem Moment…

Zwei Stunden später erreiche ich den südöstlichsten Punkt der weißen Landschaft und entdecke das:

Møns Klint, Am Strand

Wie ein bizarres Tier scheinen diese Äste über den Strand zu schreiten. Als ob sie ins Meer wandern wollen und nur kurz innehalten. Bizarr trifft auf die gesamte Gegend zu, die ständig in Bewegung ist und von Wind und Meer immer wieder neu geformt wird. Eine lebendige Landschaft, die auch vielen Tieren Unterschlupf bietet, so wie diesen Vögeln, die in den Felsen brüten.

Møns Klint, Strandbewohner

Sie schwirren schnell umher und machen sich lautstark bemerkbar. Schrill ist auch das Rufen der vielen Möwen, die herumfliegen und in der Ostsee nach Nahrung suchen.

Während der gut 5 1/2 Kilometer langen Wanderung schone ich meine Ausrüstung wenig. Meine Reise-strapazierten Barents-Hosen und meine Wanderschuhe wechseln recht schnell ihre Farbe von Braun zu Kalkweiß. Dafür ist die Ausrüstung da!

Am frühen Abend fahre ich langsam zurück zum Zeltplatz und lasse den Tag ausklingen. Ich bin fertig! Und doch extrem zufrieden. Es ist grau und etwas regnerisch. Tags darauf besuche ich die nahegelegene Insel Nyord mit ihren vielen Vögeln. Bei dem grauen Wetter und viel Wind ist das eine  sehr beeindruckende Stimmung. Einsamkeit.
Nach diesem kurzen Ausflug nach Dänemark geht es mit der Vogelfluglinie zurück nach Deutschland – zurück in den Harz.

Hier die technischen Daten zum Bild:
Datum & Uhrzeit: 28.06.2013, 13:22 Uhr
Kamera: Nikon D300s
Objektiv: Sigma 17-70 f/2.8-4 OS
Brennweite: 17mm
Blende: f/8
Verschlusszeit: 1/1600s
ISO-Wert: 200
In der Nachbearbeitung versuche ich den hohen Kontrastumfang des Bildes wiederzuspiegeln.

Im August bleiben wir am Meer – in meiner Lieblingsstadt an der schwedischen Westküste.

Bis dahin,

— SnusTux|René M. – 01/07-2021