Autotest: Opel Grandland X 1.2

Fotografie? Ganz schön. Lego? Auch nett.  Reisen? Jaja. Aber da ist noch mehr. Autos!
Vor zwei Wochen durfte ich endlich wieder einmal mobil sein und in diesem Text möchte ich meine Eindrücke von diesem Erlebnis festhalten.
Es geht um meinen fahrbaren Untersatz für ein Wochenende – den Opel Grandland X mit 1,2-Liter-Motor.

Das schwarze SUV - Opel Grandland X

Freitagmittag fuhr ich zu Europcar in freudiger Erwartung auf einen schönen kleinen Golf; auf vertrautes VW-Konzern-Ambiente. In den letzten Jahren war ich in den Genus gekommen mit so ziemlich allen Marken der Wolfsburger fahren zu dürfen, Audi, Seat, Škoda und VW. Alles irgendwie gleich in Bedienung und Ergonomie, und nahezu idiotensicher. Opel war ich in seiner Reinform bis dato nie gefahren. Bis eben zu jenem Freitag um März. „Sie bekommen einen fabrikneuen Opel.“, so  die Aussage des netten Menschen beim Vermieter. Ich hatte aber durch diverse Saabs GM-Erfahrung. Diese sollte sich alsbald auszahlen.

Da stand es nun, das schwarze SUV, frisch vom Lkw gefallen. Innen der Duft nach Neuwagen, teilweise noch Schutzfolien auf den schwarzen Klavierlack-Flächen und an den Halterungen der Sonnenblenden; in der Mitte der Frontscheibe die Überreste von Klebestreifen – hier war wohl ein Zettel mit dem Ziel des Wagens gewesen.
Das erste Rätsel stellte sich mir, als ich das Fahrzeug anschalten wollte. Zünschloss? Fehlanzeige. Stattdessen ein Startknopf. Mal draufdrücken. Und siehe da, kaum bewegt.

Frisch vom Lkw gefallen - nur 5 Kilometer auf der Uhr

Äußerlichkeiten

Er ist schwarz. Er ist wuchtig. Ein typischer Vertreter der SUV-Fraktion. Die Länge schwer zu schätzen. Auf dem Papier stehen knappe 4,50 Meter, gute 1,85 Meter für die Breite (2,10 über Außenspiegel) und etwa 1,60 Meter für die Höhe. Ein Klotz! Weiche Rundungen und scharfe Kanten bestimmen das Bild. Das Design macht schon etwas her. „Siehe da, hier bin ich!“
Aber wäre der Blitz nicht, würde ich ihn kaum als Opel erkennen, zu Standard-SUV-isch ist das alles. Austauschbar.
Mich stört die stark ansteigende Seitenlinie; die hinteren Fenster sind nicht mehr als größere Schießscharten. Durch die getönten Scheiben verschwinden sie nahezu. Die D-Säule ist sehr breit und einer guten Rundumsicht sehr abträglich.
Gelungen finde ich die Akzentleiste aus Aluminium in der Dachpartie.

Seitenansicht mit ansteigendener Linie und vielen Kanten, dazu riesige Felgen
Winzige hintere Fenster und massive D-Säule
Ein ziemlich breites heck mit Pseudo-Auspuffblenden und "Turbo"-Schriftzug
Eleganter Dachabschluss

Innerlichkeiten

Das wuchtige setzt sich innen fort. Der Opel ist groß. Und er ist schwarz, aber nicht durchgehend. Seitenholme und Dach sind in einem hellen Grau gehalten. Das Dach ist auf seine Weise speziell – es ist ein Glasdach, das sich durch eine Kunststoffmatte abdunkeln lässt, aber nicht zu öffnen ist. Ein schöner Blick nach oben, aber keine Frischluft. Das Cockpit ist mit Kunstleder bezogen und wirkt sehr edel, die Aluleiste verstärkt den Eindruck noch.

Im Punkto Ablagen und Staumöglichkeiten wurde aber eher nach dem Motto „Form vor Funktion“ gearbeitet. In der Mittelkonsole gibt es ein mittelgroßes Fach, mehr nicht. Einen Becherhalter suchte ich vergebens. Auch die Türinnenseiten sind eher Designstücke denn praktikabel. Schade.
Die Mittelarmlehne lässt sich entweder nach vorn ziehen oder öffnen – beides gleichzeitig geht nicht. Das Fach darunter ist eher winzig und zum kontaktlosen Laden von Telefonen gedacht. Nunja…

Die Sitze sind spitze! Sehr gut ausgeformt und vielfältig verstellbar, samt ausziehbarer Oberschenkelauflage, das hatte ich bisher nur bei Audi. Perfekt für meine langen Beine. Auch bei längeren Strecken sind sie bequem.
Das Aber: Ich bevorzuge es, trotz meiner Größe, den Sitz immer in der höchsten Position zu haben. Das hat zwei Vorteile: Einerseits die bessere Übersicht, zum anderen mehr Schutz vor der blendenden Sonne, vor allem bei den flachen Frontscheiben. Im Opel wurde das schon ziemlich eng für meine Frisur. Die kratzte an der Dachverkleidung.

Auf der Rücksitzbank ist es eher eng für so große Persönchen wie mich, mit 1,82 Metern und ewig langen Beinen. Nur Kompaktklasse-Niveau. Für kleinere Menschen erscheint es mir unangenehm, ob der hohen Fensterkante und den dunklen Farben. 

Der Kofferraum ist riesig und gut zugänglich, samt verstellbarem Ladeboden. Eine komplett gleiche Höhe mit der Ladekante ergibt sich zwar nicht, aber das ist zu verschmerzen. 

Glasdach
Mittelkonsole mit Ablagefach für Telefon und USB-Anschluss zu laden. Der Schalter für den Warnblinker versteckt sich links unter dem Bildschirm bei dem hellen Lensflare.

Bedienung

Bei dem Wort „Opel“ bekam ich ein ungutes Gefühl. Noch vor wenigen Jahren hatten diese Fahrzeuge riesige Schalter- und Knopfwüsten im Cockpit, Suchspiele vorprogrammiert.
Das hat sich geändert. Es gibt nur noch wenige Knöpfe, die logisch positioniert sind. Stattdessen dominiert ein riesiger Bildschirm den Innenraum. Hierüber lässt sich nahezu alles einstellen. Darunter sitzt die Bedienung für die Klimaautomatik.
Das Lenkrad ist mit Tasten versehen zum Einstellen von Audio, Telefon und Tempomat (der nur Standardware ist und kein Abstandstempomat) Es ist alles leicht zu finden und gibt im Alltag kaum Rätsel auf.

Und doch muss ich hier etwas mehr kritisieren. Am schlimmsten finde ich die Position und Größe des Warnblinkschalters. Links unter dem Bildschirm, farblich nicht abgesetzt – Form vor Funktion. Im Notfall nicht sofort zu finden. Das geht überhaupt nicht!
Bei den Einstellmöglichkeiten und der intuitiven Bedienung kommt der Opel nicht an die Fahrzeuge aus Wolfsburg heran. Es lässt sich nicht wirklich etwas einstellen und bis ich herausgefunden hatte, wie ich mein Telefon per Bluetooth koppeln kann, verging Zeit. Allgemeine Einstellungen für die Klimaautomatik such man in den Menüs vergeblich. Nicht mal die Einschaltzeit für das automatische Abblendlicht lässt sich auswählen. Bei VW & Co. kann ich bestimmen, ob dieses sehr früh, normal, oder sehr spät anspringt und für genügend Helligkeit sorgt. Tagfahrlich gut und schön, aber ich bin da anders drauf.
Das führte auch dazu, dass ich den Lichtschalter prinzipiell auf „Abblendlicht“ eingestellt ließ – dankenswerterweise ging dieses beim Ausschalten des Opels mit aus und machte sich nicht über einen Piepton bemerkbar wie noch vor Jahren (und bei meinem Škoda) – „Ich muss ausgeschaltet werden!“
Das Infodisplay zwischen den Rundinstrumenten zeigt Standardkost, hat aber alle wichtigen Informationen. Bei mir war es die meiste Zeit auf den digitalen Tachometer eingestellt. Und auch hier hat Opel nicht zuende gedacht (oder wollte besonders höflich und zuvorkommend sein): Bei anstehenden Navi-Anweisungen drängen sich diese unvermittelt in den Vordergrund und lassen sich nicht abstellen. Ich mag das nicht, wenn mir mein Fahrzeug vorschreibt, was ich zu tun habe.
Das lässt sich auf die gesamte Bedienung anwenden. Der Grandland X bestimmt in Teilen über seinen Fahrer und lässt nur wenig Raum für eigene Wünsche.

Mein Telefon konnte ich schlussendlich koppeln und Spotify spielte problemlos.

Lenkrad und Rundinstrumente

Fahreindruck

Das Wort „Turbo“ verspricht viel Spaß.
Wäre da nicht das Extreme-Downsizing. Der kleine Motor stammt vom PSA-Konzern (Peugeot-Citroën), in dessen Werk in Sochaux der Grandland X zusammen mit dem Peugeot 3008 gebaut wird. Der Benziner hat 1199 cm³ Hubraum und nur 3 Zylinder. Aus diesen holt er durch die Turboaufladung 130 PS Leistung bei 5550/min und 230 Nm Drehmoment bei 1750/min. Das wirkt erst einmal viel. Bei etwa 1,5 Tonnen Leergewicht ist es aber schon grenzwertig.
Das hakelige 6-Gang-Schaltgetriebe möchte und muss bedient werden. Ich fühlte mich recht schnell wieder zurück in meinem alten Saab 900 und im 9-3 mit genau diesen hakeligen und unpräzisen Getrieben. Da hat sich garnichts getan. Kein Vergleich zu den knackigen Getrieben von VW, wo man den Schalthebel nur anzutippen braucht, damit er in seine Position flutscht.
Der kleine Motor will damit bearbeitet werden. In der Stadt mag es noch gehen, im vierten Gang lässt sich gut mitschwimmen. Aber ich wohne nunmal im Gebirge und bin hier gern und oft unterwegs. Den 3 Zylinderchen geht dabei bei meinem niedertourigen Fahrstil recht oft die Puste aus – Gang runter und beschleunigen. Einem geringen Benzinverbrauch ist das sehr abträglich. Soetwas wie ein sportliches Fahrgefühl sucht man vergebens, oder bezahlt es mit einem hohen Verbrauch und Drehzahlen jenseits der 3000-er-Marke.

Mit der Motor-Getriebe-Kombination bin ich in den 3 Tagen nie warm geworden. Die meisten Gänge erschienen mir zu lang übersetzt, der 6. wiederum zu kurz. Bereits ab 70 km/h konnte ich den Opel in diesem bewegen, wenn auch nur auf ebener Fläche. Für ein sparsames Fahren auf der Autobahn  eher unpraktisch.

Die elektronische Parkbremse mit Haltefunktion an Steigungen gewann ich lieb. Leider hatte sie manchmal ihre Macken und bedurfte an Ampeln einem beherzten Tritt auf die Bremse um anzuspringen.

Das Fahrgefühl war sehr angenehm, nicht zu weich, nicht zu straff. In schnell durchfahrenen Kurven neigte sich der Aufbau etwas mit – ein komisches Gefühl, aber nie grenzwertig.
Die Übersichtlichkeit könnte besser sein. Die Heckscheibe ist auch kaum mehr als eine Schießscharte, das viele Metall ringsum stört. Nur dank der Parksensoren an allen Seiten und des Totwinkel-Warners in den Außenspiegeln lässt sich der Opel ohne Dellen manövrieren.

Von den angegebenen 5,5 Litern Verbrauch war ich die ganze Zeit  meilenweit entfernt. Zum Schluss kam ich auf etwa 7,8 Liter.

Fazit

Der Opel Grandland X mit dem 1,2-Liter-Benzinmotor ist ein ziemliches Dickschiff; eines dieser vielen, austauschbaren SUV’s; ein Auto für die Stadt, nicht für das Gebirge.
Doch was soll ich mit so einem riesigen unübersichtlichen Fahrzeug in der Stadt?
Er gehört eigentlich ins Gebirge und Gelände aber dafür ist er untermotorisiert und bietet keinen Allrad.
Er bietet Platz ohne Ende – mit Ausnahme der Rücksitzbank, wirkt auf mich aber in großen Teilen wie ein Designerstück, das die Funktion oftmals in den Hintergrund drängt und bei dem viele Dinge nicht zuende gedacht sind. Er möchte über seinen Fahrer bestimmen, nicht umgekehrt.
Und er hat mich zuoft an alte Saab-Zeiten erinnert, vor allem bei dem Getriebe.
Dass der Benzinverbrauch viel zu hoch ist – geschenkt.

Gerade nach diesem Wochenende stelle ich mir immer mehr die Frage, wer solche Fahrzeuge braucht? Gab es nicht mal eine Zeit in der Kompaktvans ganz groß waren? Noch praktischer (auch für die ältere Klientel) und viel eleganter. Keine Dickschiffe mit winzigem Motörchen.

Ich habe das Wochenende genossen, bin aber mit dem Grandland X (was für ein komischer Name) nie richtig warm geworden. Dann doch lieber wieder ein ganz normaler Golf – oder ein Sportsvan.

Blick in den Außenspiegel

Auf bald!

— SnusTux|René M. – 08/04-2018

 

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