Willkommen zurück.
Willkommen zu einem weiteren, kleinen Reisebericht.
Wo fange ich an, wo höre ich auf?
Vielleicht so: Es gibt Städte, die organisch wachsen und es gibt Städte, die am Reißbrett entstehen.
Zwei davon liegen ganz in meiner Nähe. Beide wurden als Festungs- bzw. Residenzstädte entworfen. Mannheim – bekannt für seine Quadrate – samt besonderer Adressbezeichnungen, ist eine kurpfälzische Gründung aus dem Jahr 1606. Karlsruhe ist gut 100 jünger und bekannt für seinen Fächer-artigen Stadtplan. Hier hatte das Haus Baden seine Finger im Spiel. Beide zählen heute um die 300.000 Einwohner.
Aber es gibt auch kleinere Beispiele. Warum sollten Bergleute beschwerliche Wege zu den Schächten auf sich nehmen müssen, wenn man auch in der Nähe eine Stadt anlegen könnte? Das dachte sich zumindest der württembergische Herzog um das Jahr 1600. Gut 400 Jahre später bestaunen wir einen nahezu quadratischen Marktplatz, von über 200 Metern Kantenlänge, samt umgebender, ringförmig angeordneter, Häuserzeilen. Dass diese Planstadt bei weitem nicht an ihre badischen und kurpfälzischen Geschwister heranreicht, was die heutige Einwohnerzahl betrifft, ist der Lage geschuldet. Sie liegt im Nirgendwo, in den dichten Wäldern des Nordschwarzwaldes. Der Name dieser Stadt? Freudenstadt.
Wie ich schon in früheren Beiträgen geschrieben habe, bin ich oft auf der Suche nach neuen und ungewöhnlichen Orten. So rückte vor einer Weile auch Freudenstadt in meinen Fokus. Ich wollte unbedingt in diese kleine Stadt im bewaldeten Nirgendwo.
2026. Ich suche nach neuer Beschäftigung und habe entsprechend Zeit – aber leider nur selten Lust. Trotz meiner sehr spontanen Reisen nach Marburg und ins Dreyeckland schiebe ich den Schwarzwald-Ausflug vor mir her. Die Hitze ab Mitte Juni setzt mir zu sehr zu. Einen guten Monat später ist etwas Abkühlung in Sicht. Ähnlich wie im Januar und Ende April plane ich recht spontan, liegt mein Ziel doch in entspanntem Deutschlandticket-Abstand und ist mit nur einem Umstieg erreichbar. Kurzentschlossen suche ich ein Quartier im Herzen der Stadt und beginne gute zwei Wochen später meine Reise.
Es wird eine Premiere. Bis Karlsruhe bewege ich mich auf bekanntem Terrain. Ab dort wird es speziell. Statt einer „normalen“ S-Bahn verkehrt von der Fächerstadt ins Württembergische eine Straßenbahn – im Bereich des ländlichen KVV (Karlsruher Verkehrsverbund) ein bekanntes Bild. Ich besteige die „Gelbe“ auf dem Vorplatz des Karlsruher Hauptbahnhofes. Nach einem weiteren Zwischenstopp am alten Albtalbahnhof wechselt sie auf richtige Eisenbahngleise.
Bald lasse ich die Stadt hinter mir, etwas später nähern sich die Berge des Nordschwarzwaldes. Nun folgen wir der Murg. An deren Unterlauf finden sich kleine Industriestädte mit dichter Bebauung. Die Landschaft wandelt sich zu einem engen Tal mit vielen beschaulichen Orten wie Forbach. Dahinter werden die Bergflanken noch steiler. Die Tram nimmt jeden noch so kleinen Ort mit.
Ich habe Zeit und möchte ein wenig dieser Stimmung einfangen. So steige ich in Schönmünzach aus. Der Ortsname verspricht nicht zuviel. Eingezwängt zwischen hohen Bergen bin ich in dem kleinen Ort unterwegs. Die Brücken sind mit vielen Blumen geschmückt, die Insekten reichlich Nahrung bieten. Darunter plätschert die arg mickrige Murg. Dürre. Wirklich viel ist hier nicht, trotz Ferienzeit. Einige Gebäude haben schon seit vielen Jahren keine Gäste mehr gesehen und verfallen langsam. Es wirkt beschaulich, märchenhaft – wie eine Kulisse für touristische Bilder aus dem Nordschwarzwald. Dessen dichter Baumbestand ist allgegenwärtig.
Folgt mir nun auf einem kurzen Spaziergang durch Schönmünzach:
Nach einer guten halben Stunde im Ort nehme ich die nächste Bahn – dieses Mal ein „richtiger“ Zug – nach Freudenstadt. Sie lässt die meisten Orte links liegen und hält nur in Baiersbronn.
Bald bin ich am Ziel. Es ist kurz nach halb zwei; angekommen in Freudenstadt.
Vom Bahnhof ist es ein kurzer Spaziergang zu meinem Quartier. Mein erster Eindruck ist der einer typischen Kleinstadt. Alles sehr übersichtlich. Nur der dichte Auto-Verkehr fällt mir sofort auf. Und dieser Eindruck wird sich die folgenden Stunden nicht ändern.
Ich erreiche den so einzigartigen Marktplatz und stehe an der Ecke des Stadthauses. Es ist groß, es ist grün – es ist auf der Nordostseite voller Autos! Die Südwesthälfte ist von einer belebten Parkanlage gepägt und erscheint mir unwirklich und irgendwie mediterran. An den geduckten Häusern reiht sich ein Café an das nächste. Viele Menschen sind unterwegs. Diesen Eindruck lasse ich nach Bezug meines Zimmers kurz sacken.
Doch schon bald möchte ich die Stadt erkunden. Die riesige Brunnenanlage sorgt für etwas Abkühlung und Spaß bei den Kindern.
Passenderweise findet sich im Stadthaus ein kleines Museum über Stadt und Region. Der Eintritt ist frei. Recht schnell tauche ich in die über 400-jährige Geschichte der Stadt ein. Ich hatte mich zwar vorher schon intensiv eingelesen und auch das traurigste Kapitel der Stadt mitbekommen, hier wirkt das aber alles noch viel plastischer. Es gibt einen Bereich zu Tourismus in der Region und zum Werden der Stadt. Das beklemmendste Kapitel ist aber der Zerstörung der Stadt durch einen erzwungen Großbrand zum Kriegsende, samt des folgenden Neuaufbaus binnen weniger Jahre gewidmet.
Dass die Innenstadt ein Produkt der 1950-er Jahre ist und kaum historische Bausubstanz aufweist, wird rund um den Marktplatz sehr deutlich sichtbar. Da sticht die Eck-Kirche schon fast als Fremdkörper heraus. Eben jener Neuaufbau und spätere Anpassungen prägen das Bild der Stadt heute.
Aus Sicht eines verwöhnten Großstadt-Kindes mag der starke Fokus auf den Autoverkehr befremdlich wirken, nur scheint das hier fast eine Notwendigkeit zu sein. Freudenstadt liegt ab jeder größeren Siedlung mitten im Wald und dient den umliegenden Gemeinden als Mittelzentrum. Karlsruhe, Stuttgart und Freiburg sind gute 60 Kilometer Luftlinie entfernt, Pforzheim und Strasbourg etwa 50 Kilometer. Die Wege sind weit und bergig, gerade nach Westen; die Öffis nur mäßig ausgebaut. So wundert es kaum, dass eine wichtige Verkehrsachse mitten durch die Stadt schneidet. Eine Untertunnelung wurde vor Jahren vor allem durch Gewerbetreibende abgelehnt, ein weiterer Versuch ist aber in Planung.
Ja, auf dem Land mahlen die Mühlen langsamer und manche Auto-zentrierte Ansicht aus längst vergangener Zeit hält sich hier besonders lange. Dass es auch anders geht, zeigen immer mehr – auch kleinere – Städte. Sie verbannten den Autoverkehr aus ihren Zentren und schufen ein lebenswertes Umfeld mit hoher Aufenthaltsqualität und viel Grün – wovon gerade das Kleingewerbe und die Gastronomie vor Ort profitierten. Eine Recherche hat hier u.a. Bad Mergentheim erwähnt – eine Stadt, die ich selbst schon besucht habe; dazu Tuttlingen und Deggendorf – alle drei sind durchaus mit der Situation in Freudenstadt vergleichbar. Und gerade in Freudenstadt würde sich das anbieten. Ein 200×200 Meter großer Platz mitten in der Stadt voller Grün, voller Leben und nicht nur die Hälfte desselben. Dazu eine viel bessere und dichtere Anbindung durch den ÖPNV – auch hier im Grenzbereich der vier baden-württembergischen Regierungsbezirke, wo Zuständigkeiten und persönliche Pfründe ach so wichtig sind. Dabei wird der Mensch gern vergessen. Vielleicht ändert sich das ja in Zukunft und Freudenstadt lernt von den erwähnten Positiv-Beispielen im „Ländle“.
Doch zurück zu meinem Stadtrundgang:
Vom Stadthaus spaziere ich nach Nordosten durch die langgestreckten Häuserzeilen, die den Marktplatz in allen vier Himmelsrichtungen umgeben. Weiter geht es nach Südwesten. Dort habe ich einen Aussichtspunkt ausersehen, von dem ich später den Sonnenuntergang beobachten möchte. Hier an der Adlersteige geht es tief hinab ins Tal, wo wie Überreste des Bergbaus zu sehen sind und durch einen Geschichts-Rundweg erlebbar gemacht werden. An den dichtbewaldeten Hängen finden sich einzelne Häuser.
Nach einer kurzen Pause spaziere ich zurück zum Marktplatz, wo ich der besonderen Stadtkirche einen kurzen Besuch abstatte. Ein Kirche in einer Ecke mit gewinkeltem Innenraum und Chor am Treffpunkt der beiden Seiten ist schon einzigartig –hier musste die Funktion der stadtplanerischen Form folgen. Sehenswert auf jeden Fall und für das besondere der Planstadt sehr charakteristisch.
Über den weiterhin gut besuchten Marktplatz spaziere ich nach knapp zwei Stunden zurück zum Hotel. Hier fange ich auch die charakteristischen Laubengänge ein.
Nun kann ich die vielen neuen Eindrücke des Tages erstmal sacken lassen. Bin begeistert und doch fertig. So entschlummere ich kurz, ehe mich mein Wecker an den reservierten Sitzplatz im Hotel-eigenen Restaurant erinnert. Dieses ist gegen 19 Uhr eher spärlich besucht.
Frisch gestärkt folgt mein nächster Spaziergang, den ich ganz der untergehenden Sonne widme. Eine Kleinigkeit hatte ich schon am Nachmittag entdeckt: Auch in Freudenstadt gibt es Bächle – kleine schmale Wasserläufe, die in Freiburg allgegenwärtig sind. In Freudenstadt wurden sie in der Finkenbergstraße neu angelegt.
Von der Adlersteige steige ich noch ein kleines Stück ins Tal und finde dort eine lauschige Bank, von der ich das Sonnen-Schauspiel beobachten kann.
Von Dunst umgeben verschwindet der helle Stern hinter den gegenüberliegenden Höhenzügen. Doch das reicht mir nicht. Ich spaziere wieder bergan gen Stadt, wo die letzten Sonnenstrahlen die höheren Gebäude noch anleuchten.
Auch das reicht mir noch nicht. Nachdem ich meine Bilder gesichtet habe, erkunde ich die Stadt erneut. Bei Nacht sind die Laubengänge unter den Marktplatz-Häusern menschenleer – die Stadt schläft.
Der nächste Morgen.
Die Nacht ist eher unruhig und ob des doch etwas harten Bettes weniger erholsam.
Es ist frisch auf knapp 700 Höhenmetern als ich kurz vor 9 mein Hotel verlasse.
Am Stadthaus warte ich auf den Bus, der mich nach Westen und auf 1000 Höhenmeter bringen soll. Von dort will ich mit einem weiteren Bus zum Mummelsee und von dort mit einem dritten Bus auf die Hornisgrinde.
Zwischenstopp Nummer eins ist mit einem fast leeren Bus nach einer halben Stunde erreicht. Ich bin am Ruhestein ~ einem Ort in zwei Gemeinden und zwei Landkreisen. Hier findet sich zwar eines der Nationalparkzentren für den Nordschwarzwald, allerdings weit und breit kein schattiges Plätzchen um die 40 Minuten Wartezeit zu überbrücken. Leider etwas traurig, gerade bei dem Sommer. Ich spaziere etwas umher und fange ein paar Motive ein. Menschen sind kaum zu sehen.
Kurz nach 10 sitze ich im nächsten Bus und genieße die ersten Ausblicke von der Schwarzwaldhochstraße. Bald ist der Mummelsee erreicht. Wie schon in den Jahren zuvor ist viel Betrieb. Da ich faul bin und mir das Wetter nur wenig zusagt, nehme ich auch für die letzten 150 Höhenmeter den Bus und stehe bald vor dem Hornisgrindeturm.
Mit der Uhr im Blick und den Möglichkeiten einer Rückfahrt nach Heidelberg bin ich auf dem kahlen Berg unterwegs.
Viel hat sich seit meinem letzten Besuch getan. Es gibt eine Gastwirtschaft mit Blick auf See und Umgebung und das Hochplateau wird umfassend umgestaltet. Trotz der Höhe setzt mir die Sonne bei „nur“ um die 20 Grad zu. Wolken suche ich vergeblich. Die Runde führt mich vorbei am kleinen Aussichtsturm zum Dreifürstenstein, der gut zu meiner Rundreise passt, war ich doch vorher vor allem in früheren württembergischen Gegenden unterwegs.
Für den Abstieg zum See nutze ich die Fahrstraße, die oft von Baufahrzeugen frequentiert wird, was mich zu einigen Ausweichmanövern vor den großen LKW zwingt. War es auf dem Berg nur wenig los, so sieht das am See komplett anders aus. Viele Ausflügler sind unterwegs um sich ein bisschen abzukühlen und die Landschaft zu genießen. Mir ist das etwas zuviel. Ich flüchte in die angrenzende Gaststätte und gönne mir ein kleines Stück Kuchen. Die Fahrtauskunft stimmt mich wenig optimistisch. Mein Bus soll Verspätung haben und der Anschluss in Achern wird ungewiss.
Gegen 13 Uhr verlasse ich den Berg und fahre mit Bus Nummer vier über die heftige Stichstrecke mit 9% Gefälle via Sasbachwalden gen Achern. Meine ursprünglichen Bedenken ob des zu verpassenden Anschlusses zerstreuen sich bald. Ich habe die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht und vergessen, dass mein Zug über die überlastete Rheintalbahn fährt. Aus ursprünglich fünf werden bald 20 Minuten, bald eine halbe Stunde. Diese verbringe ich in einem unansehnlichen Glaskasten auf dem Acherner Bahnhof. Es gibt bedeutend schönere Ecken. Doch ich kann noch einen kurzen Blick auf die Hornisgrinde erhaschen bevor ich den völlig überfüllten Zug besteige, der mich bald stehenderweise nach Karlsruhe bringt. Dort klappt der Anschluss an die S-Bahn, ebenso wie in Heidelberg, wo ich meinen Bus auf den heimischen Berg erwische.
Da ich der Hornisgrinde vor ein paar Wochen eine ausführliche Liebeserklärung gewidmet habe, folgen hier nur ein paar wenige Aufnahmen. Zusätzlich ein paar Bilder von der Rückfahrt.
Nach gut 30 Stunden bin zurück daheim.
Eine kurze aber schöne Tour geht zuende, die ich bei erträglichen Temperaturen erleben durfte.
Mein Fazit zu Freudenstadt ist zwiegespalten.
Die Stadt ist besonders ob ihrer Geschichte und ihrer Lage. Sie ist besonders durch ihre Gestaltung. Das gefällt mir. Wäre da nicht der allgegenwärtige Autoverkehr.
Falls Ihr Zeit findet, besucht gern mal die Stadt im Nirgendwo.
Bis dahin wünsche ich eine gute Zeit.
Gehabt Euch wohl & bis bald!
— SnusTux|René M. – 29/08-2026

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