Sommer 2026.
Seit Ende Mai gibt es kaum Tage mit weniger als 25 Grad. 30 sind eher normal.
Niederschlag? Was ist das?
Die Landschaft trocknet aus.
Es ist ein sonnig-dunstiger Morgen im Mai 2012. Ich stehe auf der Kalmit, am Ostrand des Pfälzer Waldes und blicke nach Süden. In der Ferne zeichnet sich ein markanter Bergrücken mit einem noch markanteren Sendeturm ab. Ich lichte ihn mit langer Brennweite ab.
Beim Graben in meinem Archiv ist es das erste Bild, dass von diesem Berg existiert. Allerdings habe ich zumindest den Sendeturm schon vorher wahrgenommen – so es die Sicht zugelassen hat.
Nun ist er also erstmals auch Chip gebannt, dieser Berg. Aber bisher weiß ich nicht, was ich da fotografiert habe. Eine kurze Recherche sorgt für Aufklärung:
Es handelt sich um die Hornisgrinde, mit gut 1160 Metern der höchste Berg im Nordschwarzwald.
Ab sofort begleitet sie mich. Über die Jahre lichte ich sie aus mehreren Blickwinkeln ab. Von der Kalmit ist die schmale Seite zu erkennen, so auch auf dem folgenden Bild, das im Dezember 2013, zu mitternächtlicher Stunde, entsteht.
Auch hier erhebt sich die Hornisgrinde über dem Dunst.
Von der Haardt wechsle ich den Standort zum heimischen Odenwald.
So erwische ich sie wenige Tage später von den Weinbergen oberhalb Schriesheims.
Der Blick schweift nach Süden. Von hier ist die Faszination noch größer. Von Westen steigt der Schwarzwald über nur wenige Berge steil zur Hornisgrinde an. Zwischen den Häusern im Vordergrund und dem Berg liegen etwa 100 Kilometer. Dieser Kontrast macht den Berg noch interessanter.
Die folgenden Jahre überspringe ich vorerst. Wir wollen uns der Hornisgrinde langsam nähern. Recht ähnlich zum vorherigen Bild ist der Blick von meinen heimischen Weinbergen im Emmertsgrund. Auch die Tageszeit passt im November 2018.
Bisher ist immer nur die schmale Seite, mit Blick von Norden, zu sehen. Das soll sich ändern.
Im Januar 2015 bin ich in und um Strasbourg unterwegs. Von meinem Quartier in Kehl verdecken Bäume den Ausblick.
Von hier, aus Südwest, ergibt sich ein anderes Bild. Die Hornisgrinde offenbart ihren langen Bergrücken. Etwas detaillierter ist der Ausblick vom Strasbourger Münster.
Nach Süden fällt der langgezogene Berg steil ab. Der Abfall zur Rheinebene ist, ob des Wetters, weniger gut zu erkennen. Nur 30 Kilometer Abstand zum Motiv sorgen für mehr Details.
Etwas näher sind wir im August 2016 auf der Rheintalbahn bei Achern, nur gut 12 Kilometer entfernt. Hier zeigt sich das Höhenprofil sehr deutlich.
Die niedrigen Vorberge um Achern und Sasbachwalden sind nur schwer vom langgestreckten Höhenzug – bei der 1100-Höhenmeter-Linie sind es fast 2 1/2 Kilometer – abzugrenzen. Nun haben wir den Blick von Westen. Ich nutze die Bahnstrecke entlang des Schwarzwaldes desöfteren und liebe diesen Ausblick.
Es geht aber noch näher. Im Mai 2014 nehme ich mir eine kurze Auszeit und bin nördlich des Berges unterwegs. Vom Aussichtsturm auf der Badener Höhe sind es nur noch 8 Kilometer zur Hornisgrinde. Hier ist die Nordostseite des Berges zu sehen.
Mit langer Brennweite sind einzelne Bauten zu erkennen.
Noch näher geht es kaum, ohne dass die Hornisgrinde ihre Faszination verliert.
Aber ich habe noch einen Bonus für Euch.
Ende Dezember 2024 sind wir auf dem Merkur bei Baden-Baden. Unter uns ein waberndes Meer aus Nebel, darüber nur wenige Berge. So auch die Hornisgrinde in 18 Kilometern Entfernung. Erhaben und majestätisch über dem Nebelmeer thronend. Unerschütterlich in ihrer Mächtigkeit.
Lassen wir diese Fernblicke erst einmal sacken.
Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich die Hornisgrinde sehe. Ein wohliger Schauer fährt mir beim Anblick durch den Körper.
Doch die Blicke aus der Ferne sind nur ein Teil dessen, was diesen Berg für mich so besonders macht. Auch der Bergrücken selbst und dessen nähere Umgebung ziehen mich in ihren Bann. Versuchen wir eine weitere Annäherung. Eine der schönsten Möglichkeiten ist die Schwarzwald-Hochstraße von Baden-Baden nach Freudenstadt. An deren höchsten Punkt gibt es auf gut 1000 Metern genügend Parkmöglichkeiten und eine sehr gute Infrastruktur.
Vor uns liegen noch etwa 150 Höhenmeter. Um diese zu bewältigen gibt es mehrere Möglichkeiten. Drei davon zeige ich Euch im Folgenden.
1. Zu Fuß über den westlichen Weg um den Katzenkopf herum zum Plateau. Hier gibt es erste Fernblicke nach Süden und Westen. Der Weg ist recht anspruchsvoll. Im Mai 2014 (einen Tag nach den Bildern von der Badener Höhe) für Euch getestet.
2. Zu Fuß über den Fahrweg; etwas weniger steil und weniger anspruchsvoll, aber länger. Im Januar 2015 war das die einzig brauchbare Möglichkeit. Garniert wir das Ganze mit Höhenlinien auf der Straße. Ein Turm kommt langsam näher und am Ende der Straße steht ein Gedenkstein zu deren Bau.
Bei diesem Berg-Besuch ergibt sich dann auch Möglichkeit Nummer Drei. Steht doch oben eine Tafel mit Fahrplänen. Linienbusse befahren die Straße in unregelmäßigen Abständen. Über die Jahre vergesse ich das wieder und nutze diese entspannteste Möglichkeit dann doch im Juli 2026.
Oben angekommen stehen wir vor dem schon erwähnten Hornisgrindeturm. Hier die Vergleichsbilder von 2014, 2015 & 2026.
Am Turm selbst gibt es eine Tafel, die 2014 nur schwerlich zu lesen war.
Wir sind oben! Durchschnaufen.
Die letzten neun Höhenmeter zum eigentlichen Gipfel sind nach dem steilen Anstieg eher zu vernachlässigen.
Ohne vorherigen Kommentar möchte ich Euch nun auf meine drei Bergwanderungen mitnehmen. Beginnen wir im Mai 2014:
Nun folgenden die wenigen Winter-Aufnahmen aus dem Januar 2015:
Und zum Abschluss die ganz frischen Bilder aus dem Juli 2026:
Der kahle Berg.
Doch so kahl ist er nicht. Eher ist es eine sehr abwechslungsreiche Landschaft. Kern meiner Touren war und ist immer der Rundweg über das Hochmoor im Süden des Berges. Viel charakteristischer, und Teil-namensgebend ist die Grinden-Landschaft in der Mitte und dem nördlichen Teil. Eine Feuchtheide, die früher – nach Abholzung des Waldes – als Weideland genutzt wurde und es auch heute noch, zum Erhalt der einzigartigen Landschaft, wird.
Landmarke ist der 200 Meter hohe Sendemast auf der Mitte des Höhenrückens. Dazu gibt es im Süden mehrere militärische Sendeanlagen auf Stahlgitter-Türmen. Auf dem höchsten Punkt steht der eher unscheinbare Bismarckturm, der auch als Aussichtsplattform dient. Der Windpark hat sich über die Jahre gewandelt. Die kleinen Windräder, welche 2014 noch existierten, sind einem großen Windrad gewichen. Dieses soll in Zukunft noch Gesellschaft bekommen.
Wald konzentriert sich im Südosten und der Mitte der Hornisgrinde. Die große Freifläche sorgt deshalb für ein sehr erhabenes Gefühl. Fernblicke gibt es in alle Richtungen. Im Westen liegt mir die Rheinebene zu Füßen, in der Ferne lässt sich bei guter Sicht Strasbourg erkennen. Die weiter entfernten Vogesen erheben sich oft über dem Nebel. Gen Norden schweift der Blick Richtung Karlsruhe und zu den weit niedrigeren Gipfeln um Baden-Baden, so auch zum Merkur. Richtung Nordosten nehmen Walddichte und Berghöhe zu. Der Steinturm auf der Badener Höhe ist gut zu erkennen und 2014 & 2026 von mir mit langer Brennweite abgelichtet worden. Weiter Richtung Osten zieht sich ein markanter Höhenzug auf 800-900 Metern Höhe – der Kamm des Nordschwarzwaldes. Dahinter fällt die Landschaft langsam ab, typisch für das hiesige Schichtstufenland. Als weitere Stufe zeichnet sich im Dunst der Ferne der Trauf der Schäbischen Alb ab. Nach Süden schweift der Blick entlang der Abrisskante des Schwarzwaldes. So richtig gute Sicht hatte ich bei meinen beiden Besuchen bisher nicht. Sollte dies der Fall sein, so könnten sich auch die höheren Gipfel des mittleren und südlichen Schwarzaldes (Kandel, Feldberg) in der Ferne zeigen.
Doch zurück zur Wanderung auf dem Plateau.
Die westlichen Wege am Rand des Moores sind gut ausgebaut und erschließen auch die vielfältige Heidelandschaft. Überall finden sich Gräser, kleinerer Sträucher und vereinzelte, durch den Wind gezeichnete, Bäume.
Im Osten und Südosten führt ein Weg aus Holzbohlen direkt durch das Gras-bedeckte Moor. Hier ist die Mächtigkeit der Ablagerungen gut zu erkennen. Während das Moor 2014 noch gut Feuchtigkeit aufwies und durch kleine Wasserläufe durchzogen war, so sind 2026 die Folgen der Dürre nicht zu übersehen. Die offenliegenden Stellen trocknen aus. Der erdige Geruch des Hochmoores ist sehr speziell, 2026 aber leider kaum zu bemerken.
Ganz im Südosten geht die Landschaft in Wald über. Hier findet sich eine historische Besonderheit: Der Dreifürstenstein. Früher Grenze zwischen Baden, den Strasbourger Besitzungen und Württemberg ist er heute die Grenze dreier Gemeinden in zwei Landkreisen. Im Westen die Gemeinde Sasbach, im Süden Seebach (beide im Ortenaukreis) und im Osten Baiersbronn im Landkreis Freudenstadt. Letzterer ist, obwohl ursprünglich württembergisch, seit 1973 Teil des Regierungsbezirkes Karlsruhe und damit Nordbadens. Und eben jeder Dreifürstenstein war bis zum „Umzug“ nach Baden mit 1154 Metern der höchste Punkt Württembergs. Geschichte im Kleinen.
Die Zeit vergeht auf dieser Wanderung wie im Flug. Zu oft möchte man innehalten und diese besondere Landschaft mit ihren vielen Fernblicken auf sich wirken lassen. Das empfehle ich aus eigener Erfahrung sehr!
Auf dem letzten Bild von 2026 lässt sich erahnen, was an der Passhöhe los ist. Diese hält noch eine kleine Überraschung bereit – einen Überrest längst vergangener Tage. Einen Überrest starker Gletscheraktivität, deren Spuren im Nordschwarzwald überall anhand spezieller Geländeformen zu erkennen sind.
An der steilen Südflanke der Hornisgrinde liegt ziemlich versteckt ein kleiner See. Gletscher haben eine nahezu kreisrunde Vertiefung ausgeschabt in der sich Wasser gesammelt hat, heute bekannt als Mummelsee.
Wie schon bei meiner Bergwanderung möchte ich zuerst die Bilder sprechen lassen. Zusätzlich zum meinen Besuchen 2014, 2015 & 2026 war ich auch im April 2020 am See.
Los geht es 2014:
Eisiger Winter im Januar 2015:
April 2020:
Juli 2026:
Der See zieht die Menschen aus Nah und Fern an. Viele nutzen die schon erwähnte Schwarzwald-Hochstraße. Motorradfahrer sind in großer Zahl anzutreffen, vor allem im Frühling und Sommer.
Im Januar ist der See von einer dicken Eisschicht bedeckt und träumt vor sich hin. Die umliegenden Einrichtungen sind verwaist.
Auf den Bildern lässt sich eine Entwicklung erkennen:
Während 2015 (und auch schon 2014) der Hang unterhalb des Hornisgrindeturmes noch dicht bewaldet war, hat sich das 2020 geändert. Grund dafür ist die neu erbaute Grindenhütte südlich des Turmes. Sie bietet einen schönen Ausblick auf den darunter gelegenen See und eben dieser Ausblick soll durch Bäume nicht zu sehr verdeckt werden.
Gerade während meines letzten Besuches – es ist ein Freitagmittag – drängen sich die Menschen auf und um den See. Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten sind sehr überlaufen; nichts für mich.
Das Wesen des Sees lässt sich nur erahnen. Er ist von drei Seiten von, teils sehr steilen, Berghängen umschlossen. Nur nach Süden öffnet sich der Trog zum Tal – und der Blick in die Ferne. Daraus ist der Weg des schmelzenden Gletschers gut abzuleiten. Die Eismassen haben sich in den Berg gegraben, ehe sie weiter abwärts wanderten.
Genießen wir zum Abschluss die Ruhe des Sees. Werden wir uns der Besonderheit dieser Gegend für einen Moment bewusst. Schalten wir ab und lassen wir unsere Gedanken in die Ferne entfliehen. Ruhe.
Gerade in stressigen Zeiten wie der jetzigen zieht es mich gedanklich an einsame – erhabene – Orte.
Die Fjällwelt Skandinaviens ist fern und nahezu unerreichbar.
Ausgleich bieten ein paar besondere Berge in meiner Nähe. Die Hornisgrinde ist einer davon. Bei guter Sicht scheint sie zum Greifen nahe und löst dieses Sehnsuchtsgefühl in mir aus.
Gerade bei den sehr frischen Erinnerungen – zwischen meinem letzten Besuch und dem Entstehen dieser „Liebeserklärung“ liegen kaum 48 Stunden – kann ich das Gefühl schnell in mich zurückholen; kann ich in meinen Gedanken zurück auf den kahlen Berg reisen und dort innehalten.
Möge der Mummelsee eher überlaufen sein, so findet man wenige Minuten und ein paar Höhenmeter später Ruhe.
Vielleicht habe ich euch auf den Geschmack gebracht. Eine Reise zur Hornisgrinde lohnt immer.
Ich wünsche Euch, dass Ihr gut durch diesen sehr speziellen Sommer kommt. Passt auf Euch und Eure Mitmenschen auf.
Gehabt Euch wohl & bis bald!
— SnusTux|René M. – 26/07-2026

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