Hej Ihr Finsternis-Fetischisten.
Ich könnte jetzt einfach sagen, dass das Beitrags-Bild problemlos aus meiner Kamera gepurzelt ist und alles total einfach war. (So wird es ja oft vermutet, wenn man als Laie teure und voluminöse Foto-Ausrüstungt sieht.)
Ich kann Euch aber auch die wahre Geschichte dahinter erzählen. Die Geschichte, dass gute Bilder eine Menge Planung und Nacharbeit erfordern, und dass mancher Plan nicht unbedingt funktioniert.
Diese Geschichte beginnt im März 2015. An jenem 20.03. zog der Mond schon einmal an der Sonne vorbei. Hier, im Südwesten Deutschlands, war das teilweise zu sehen.
An jenem Freitagmorgen vor gut 11 Jahren stieg ich in das Fotografieren von Sonnenfinsternissen ein.
Ausgerüstet mit meiner „Alten Dame“ (aka Nikon D300s) und vielen Filtern zog es mich samt Begleitung auf einen Höhenzug im hessischen Odenwald – perfekte Sicht nach Süden war erwünscht.
Gegen 10:38 Uhr waren über 73% der Sonnenscheibe vom Mond überdeckt, wie auf dem Bild zu sehen ist. An diesem Tag war für mich eher der Moment wichtig und weniger das Fotografieren desselben. Während der Zeit um das Maximum war es schon ein bisschen dunkler und eine merkwürdige Stimmung herrschte –irgendwie zwischen Tag und Nacht.
Die Beobachtung erfolgte während der gut zwei Stunden über den Bildschirm der D300s. An dieser klemmte damals mein altes 70-300er Tamron, geschützt von zwei 1000-er ND-Filtern ( =Graufilter, die Licht schlucken). So kam nur noch etwa ein Millionstel Licht auf dem Sensor an. Auf diesen beiden Bildern ist der Aufbau gut zu sehen:
Veröffentlicht habe ich damals nur ein paar der Tele-Aufnahmen mit den unterschiedlichen Bedeckungsgraden.
Soviel zur Vorgeschichte.
Wir sind im Sommer 2026.
Irgendwann im Laufe des Jahres stolpere ich erstmals über das bevorstehende Himmels-Schauspiel. Mitte Juli huscht es bei mir auf den Schirm.
Ein paar Wochen vergehen, der Sommer übertreibt mit Hitze und Dürre.
Anfang August steigt die Anspannung. Ich will das nicht verpassen! Doch wie, und wo will ich dabei sein?
Zuerst schaue ich im Astroprogramm meiner Wahl – Stellarium – nach den notwendigen Daten. Die kommende Sonnenfinsternis soll noch viel besser werden als die von 2015. Einerseits erreicht die Überdeckung fast 90 Prozent, andererseits findet die Finsternis zum Sonnenuntergang statt.
Zu meiner Sommer-Lethargie gesellt sich viel Gedankenbrei, der gegessen werden will. Als erstes beginne ich mit der Standortsuche. Am besten wäre ein erhöhter Ort, wo der Horizont schön tief liegt. Ich wälze Kartendienste, messe Winkel aus, schaue nach eventuellen Störfaktoren.
In einem Livestream am 02. August widmet sich das, hier in Heidelberg ansässige, Haus der Astronomie der Finsternis. Dabei wird auch eine Seite verlinkt, die Schattenwürfe anzeigt. Perfekt für meine Planung!
Sämtliche Spots im näheren Umkreis fallen aus verschiedensten Gründen heraus. Zu hoher Horizont, störende Bäume, eher bescheidener Hintergrund (das trifft alles auf die hiesigen Weinberge zu), zuwenig Platz. Da ich groß plane und eher etwas ungestört sein möchte, fällt der einzig logische Ort in Heidelberg auch weg – die Aussichtsplattform auf dem Königstuhl.
Der Stückgarten an der Westseite des Schlosses wäre eine Idee. Aber wie bekomme ich meine Ausrüstung dorthin? Lieber nicht.
Stattdessen schaue ich mich im Odenwald, nördlich des Neckars, um. Alsbald kristallisieren sich zwei mögliche Orte heraus, die leider mit einer längeren Autofahrt verbunden sind. Das möchte ich gern in Kauf nehmen.
Während jenes Streams sehe ich ein Bild mit den verschiedenen Phasen der Finsternis (So meine Erinnerung nicht trügt. Irgendwo habe ich jedenfalls in letzter Zeit ein solches Komposit-Bild gesehen). Das kann und will ich auch!
Also meine „Alte Dame“ aus ihrem Rentnerinnen-Dasein holen und für die automatisierte Bilderserie nutzen! Die D780 samt Tele und 2-fach Brennweitenverlängerung ist für die Beobachtung und Detailaufnahmen reserviert.
In den Tagen zuvor steigt die Anspannung weiter und immer neue Ideen ploppen auf. So erstelle ich während einer viel zu warmen Sommernacht eine Übersicht mit allen Sonnenpositionen samt Bedeckungsgrad und lasse mir den zugehörigen, minimal notwendigen, Bildwinkel berechnen. So kann ich die benötigte Brennweite bestimmen.
Hier die Übersicht mit den Daten. Klickt gern mal auf das Bild um die komplette Datenmenge zu sehen.
Eine lange Tabelle, eine wichtige Tabelle.
Nächte werden zu Tagen, Tage zu Nächten. Mein Rhythmus hat sich dem Wetter angepasst. Tagsüber penne ich, in den lauen Nächten wird gearbeitet.
Der 12. August 2026 – Tag der Wahrheit!
Viel zu lange habe ich die Begehung der Standorte aufgeschoben. Am Morgen des ist es soweit. Ich bereise den südlichen Odenwald und fahre zuerst nach Hilsenhain. Dort reicht der Blick über eine Wiese nach Nordwesten. In der Ferne ist der Donnersberg klar zu sehen. Nur leider ist das Blickfeld etwas klein und geeignete Standorte für meine Stative gibt es auch nicht.
Also weiter nach Norden. Auf dem Höhenzug westlich von Unter-Abtsteinach werde ich fündig. Ein gescheiter Parkplatz, eine große Wiese, ein weiter und offener Blick nach Nordwesten. Perfekt!
Das wird funktionieren. Das muss funktionieren!
Noch sind es knappe 12 Stunden bis zur Finsternis. Ich verdöse den Tag, bin ziemlich fertig. Zum Nachmittag gönne ich mir noch ein paar Stunden Dämmerschlaf, während mich mein Ventilator mit etwas Wind und Abkühlung versorgt.
Gegen 17:30 Uhr packe ich meine Sachen. Zwei Kameras, jeweils mit Objektiv. Zwischen der D780 und dem 100-400er Tamron klemmt der 2-fach Telekonverter. Dazu ein kleiner Beutel mit vielen Filtern, Adapterringen und Putzzeug. Und zu guter letzt meine beiden Stative. Futter und Getränke sind auch dabei. Das alle schleppe ich in meinen „Blauen Flitzer“ und düse um kurz nach 18 Uhr los.
Irgendwie dauert es zum Abend länger als am Morgen. Das liegt vor allem an den vielen Rennradfahrer/innen, die ab Ziegelhausen unterwegs sind und nach Feierabend in die Berge wollen.
Langsam rennt mir die Zeit davon.
Um kurz nach 19 Uhr bin ich endlich zurück am Standort. Der Parkplatz ist gut gefüllt. Auf der großen Wiese – eigentlich eher ein bewirtschaftetes Feld, das nun aus vertrocknetem Gras besteht – haben es sich schon viele Sonnengucker gemütlich gemacht. Die Stimmung ist entspannt.
Noch sind gute 10 Minuten Zeit bis zum Beginn der Finsternis. Ich baue alles auf und richte die Technik ein.
(Auf dem Bild der Rückansicht ist unterhalb der Mitte die Sichel der Sonne als kleines Spiegelbild zu sehen.)
Links steht die D300s, mit der ich die Verlaufsbilder machen möchte. Dazu wird automatisch alle 60 Sekunden ein Bild erstellt. Die Einrichtung wird zum Rätselraten. Auf dem Display ist kaum etwas zu erkennen. Also bleibt mir nur die Hoffnung, dass das schon irgendwie passen wird. Aber das werde ich erst danach sehen. An der Kamera klemmt ein ND64-Filter, der etwas Licht schluckt und verhindern soll, dass Verschluss und Sensor durch die Sonne gegrillt werden.
Rechts daneben ist die D780 mit ganz langer Brennweite aufgebaut. Da diese im Dauereinsatz sein wird, klemmt hinter dem 64-er noch ein 1000-er ND-Filter. So sollte die Gefahr für den Sensor minimal sein. Die Einrichtung ist hier einfacher dank Schwenkdisplay. Etwas Feingefühl bedarf es bei der Fokussierung. Hier kommen mir aber ein paar sichtbare Sonnenflecken zugute, die ich zur händischen Feinjustierung des Schärfepunktes nutzen kann.
Los geht’s!
Ich blicke gebannt auf den Bildschirm der D780.
Gegen 19:21 Uhr schiebt sich von rechts unten unmerklich der Mond vor die Sonne. Die Finsternis hat begonnen!
Ich stehe da, beobachte. Das Feld füllt sich weiter. Mit meiner etwas übertriebenen Ausrüstung bin ich fast allein. Nur einzelne andere Stative sind zu sehen. Die meisten Besucher beobachten durch Schutzbrillen. Ein kühles Lüftchen weht.
Alle 60 Sekunden klackt der Verschluss der D300s. Bald gehe ich dazu über, ein paralleles Bild mit der „Großen“ zu machen. Nach jedem „Klack“ drücke ich auf den Auslöser der D780. Das wird sich die folgenden 80 Minuten wiederholen. Nur einmal vergesse ich zu drücken.
Immer größere Teile der Sonne werden verdeckt. Ab und zu schaue ich durch zwei 1000er- ND-Filter selbst zur Sonne. Die Scheibe ist doch arg winzig im Vergleich zum Display-Bild.
Gegen 20 Uhr gesellt sich ein älteres Paar zu mir. Anfangs nur beobachtend, fragen sie alsbald nach. So kommen wir ins Gespräch. Sie können sowohl über den Bildschirm als auch durch die Filter die Finsternis verfolgen. Angenehme Gesellschaft. Danke für die Zeit!
Um 20:15 Uhr ist die maximale Überdeckung erreicht. Das Licht ist surreal, wie nach einem Gewitter, wenn die Sonne zaghaft durch dichte Wolken bricht. Es ist merklich dunkler geworden. Lange Schatten ziehen zum Steinachtal.
Immer weiter strebt der bedeckte Stern dem Horizont entgegen. Immer dunkler wird das Live-Bild auf der D780.
Zeit anpassen, Iso anpassen. Irgendwann ist die Sonne durch die vielen Luftschichten so dunkel, dass ich den 64-er-Filter entferne.
Um 20:45 Uhr kratzt sie an den Bergen vor mir und veschwindet binnen knapp vier Minuten dahinter – immer noch etwas vom Mond angeknabbert. Zum Abschluss mache ich noch ein Bild des Hintergrundes mit der „Alten Dame“. Ich brauche es um die anderen Bilder der Kamera dort später hinein zu basteln.
Es ist vorbei!
Längst haben sich die meisten Sonnengucker verabschiedet, die Wiese ist fast leer. Auch das ältere Paar ist gegangen.
Zeit zusammenzupacken und den Heimweg durch die laue Nacht anzutreten.
Irgendwie schaffe ich die gut 30 anstrengenden Kilometer durch die Nacht nach Hause und komme dort gegen 22 Uhr völlig fertig an. In der Stadt ist von der Frische der Berge nichts zu spüren. Zwischen den Häusern liegt eine drückend warme Luft.
Mal schauen was aus meinem Plan geworden ist.
Die Aufnahmen der D300s kann ich vergessen. Einzig das Hintergrund-Bild ist irgendwie brauchbar.
Anders sieht es bei den Tele-Aufnahmen der D780 aus.
Diese seht Ihr nachfolgend. Sie zeigen die verschiedenen Phasen der Finsternis im 10-Minuten-Abstand. Beim Sichten und Bearbeiten entdecke ich ein knackscharfes Bild der Sonnenflecken-Regionen 4507 und 4508. Diese möchte ich euch nicht vorenthalten. Durch gezielte Bearbeitung ist auch das Wabern des Plasmas auf der extrem heißen Oberfläche zu erkennen.
Danach folgen zwei Bilder aus der D300s (beide mit identischen Einstellungen, jeweils sehr stark bearbeitet). Als letztes sehr Ihr das Komposit, wozu ich anschließend ein paar Hintergrund-Infos geben möchte.
Mein Plan mit der D300s ist gescheitert. Was nun?
Das Komposit möchte ich unbedingt umsetzen. Also wird gebastelt!
Ich erstelle ein Übersicht mit allen Tele-Bildern. Die Belichtung muss angepasst werden. Das funktioniert irgendwie in Handarbeit. Um die Bilder auf den Hintergrund packen zu können brauche ich den Pfad der Sonne und deren Größe in Pixeln. Letzteres lässt sich berechnen, für den Pfad nutze ich Stellarium. In Photoshop erstelle ich eine Kombination aus Hintergrund und Sonnenpfad. Anschließend landen die Tele-Aufnahmen dort und werden samt Mondbedeckung freigestellt. Danach verkleinere ich diese Bilder auf die berechnete Pixel-Breite, lasse aber etwas Spielraum, sodass die Sonne mit Komposit etwa 20 Prozent größer wird, als sie eigentlich ist. Nun beginnt das Ausrichten der Sonnen-Bilder auf dem Pfad – Arbeit auf Pixelebene! Anschließend noch ein bisschen Abdunklung für den Bereich der maximalen Bedeckung und ein bisschen Helligkeit um die obersten Einzelbilder. Die sich überlappenden Aufnahmen verschwinden. Alles in allem werden es gut 20 Stunden Arbeit. Mit dem Hintergrundbild bin ich aber nur mäßig zufrieden, trotz starker Bearbeitung. Vielleicht fahre ich nocheinmal zum Spot um eine bessere Aufnahme zu machen. Mal schauen.
Hier nun die Daten des Komposits:
Hintergrund: D300s + 24-120VR bei 35mm (entspricht etwa 50mm auf Kleinbild gerechnet), 1/90s, f/8, Iso 200.
Detailbilder: D780 + 100-400VC + 2-fach TC bei 800mm, 1/350-1/125s, f/16, Iso 200-800, ND1000 + ND64, bzw. ND1000.
Komposit aus Hintergrundbild + 29 Detailaufnahmen der Sonne.
Die D300s ist für mich in Extrembereichen nicht mehr zeitgemäß und wandert wohl endgültig ins Museum. Zu schnell ging die Entwicklung bei Foto-Ausrüstung in den vergangenen Jahren. Zu sehr habe ich mich an die D780 gewöhnt und möchte sie nicht mehr missen.
Trotzdem war bei der „Alten Dame“ das Hauptproblem hinter dem Bildschirm – wie beinahe immer. *Zwinkersmiley* Und damit ist auch der Klammer-Satz vom Anfang widerlegt.
Hier endet nun die etwas längere Geschichte zu diesem Bild.
So richtig greifen kann ich das Himmels-Schauspiel an diesem Abend nicht. Bin irgendwie im Auto-Modus und funktioniere einfach. Der zu lange und zu heiße Sommer setzt mir zu.
Erst jetzt, wo das Komposit fertig ist, beginne ich die Situation zu realisieren. Es ist schon ein besonderes Schauspiel, wenn der Mond zwischen Sonne und Erde vorbeizieht. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten gibt es in Europa noch ein paar Gelegenheiten, auch wenn diese meist ringförmig ausfallen. Nutz jede Gelegenheit, die sich bietet. Es ist immerwieder faszinierend!
Und nun kommt weiter gut durch den Sommer und passt auf Euch auf!
Gehabt Euch wohl & bis bald!
— SnusTux|René M. – 15/08-2026

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