Ein Mensch entwickelt sich – Werte, Moralvorstellungen und das eigene Weltbild sind in einem dauerhaften Entwicklungsprozess. Stillstand ist gerade bei diesen Themen fatal.
Und so ist auch meine Sicht auf die Dinge einem andauernden Prozess unterzogen. Ich sammle Erfahrungen, überdenke Altes und bin offen für Neues. Dies führt zu einer Verdichtung und Festigung meiner Vorstellungen über die Welt. Ist eigentlich ein Paradoxon, doch möchte ich eben dieses im Folgenden ausführen.
Ich wurde in der DDR geboren – an einem 24.12., einem Staat in dem für Religion kein Platz war. Wurde diese doch als System-gefährdend angesehen und sollte es neben der „Religion“ „Staatssozialismus“ mit den „Göttern“ im Politbüro keine weiteren Götter geben. So spielte sich religiöses Leben eher im Untergrund ab. Ich hatte somit wenig Berührungspunkte mit einem Glauben. Die Kirchengebäude längst vergangener Zeiten nahm ich nicht als das wahr, wofür sie ursprünglich gedacht waren – dem gläubigen Individuum seine Winzigkeit vor Augen zu führen und die Macht der Kirchen zu demonstrieren; gleichzeitig Orte der Begegnung zu sein. Einzig der Begriff „Christenlehre“ waberte in meinem Kopf umher. Er gelangte durch familiäre Erzählungen und einen meiner Mitschüler aus der Grundschulzeit in meine Gedankenwelt. Er war etwas Fremdes für mich, etwas ohne eigenen Bezug.
Meine Mutter stammt aus einer Vertriebenenfamilie aus Ostpreußen und war als Kind lutherisch getauft worden – wie das in den 1950-er Jahren noch üblich war. Über einen religiösen Hintergrund meines Vaters weiß ich nichts. Ich hörte nur von „katholisch“ und „evangelisch“, nicht wissend, was diese Begriffe beinhalteten.
So wuchs ich völlig „gottlos“ auf. In meiner Jugend bezeichnete ich mich bald als Atheisten – nicht recht greifend könnend, was dieser Begriff impliziert. In der Schule lernten wir im Ethik-Unterricht die großen Weltreligionen samt deren Weltbild und Geschichte kennen. Und hier beginnt nun meine Gedankenreise.
Aus meiner bloßen Selbstbezeichnung erwuchs mit den Jahren ein Weltbild. Vor etwa 10-15 Jahren ergänzte ich den Begriff „Atheist“ etwas scherzhaft um den Zusatz „nicht-militant“. Warum dies? Nun, ich war der Ansicht, anderen Menschen meinen Nicht-Glauben nicht aufzwingen zu wollen bzw. müssen. Soll doch jede/r das Weltbild haben, das sie oder er haben möchte.
Derweil weitete sich meine Sicht auf die Dinge, bedingt durch mein gesellschaftliches, politisches, historisches und wissenschaftliches Interesse. Die Lausitz katholisch? Das Eichsfeld, in dem Verwandte wohnten, ebenfalls katholisch; dazu die unterschiedliche Handhabe religiöser Feiertage in den verschiedenen deutschen Bundesländern und Regionen. Wir in Baden-Württemberg haben am 01.11. frei, während in Sachsen der 31.10. frei ist. Der 07. Januar ist hier ein Feiertag – in Sachsen hingegen nicht. In der Lausitz gibt es die Tradition der Osterreiter, im Südwesten und Westen Karneval bzw. Fasnacht. All das hat einem christlich-religiösen Hintergrund. Es gibt eine „Christlich-demokratische Union“ und eine „Christlich-soziale Union“. Beide hervorgegangen aus der katholischen Zentrumspartei der Zeit des Kaiserreiches und der ersten deutschen Republik. Es gibt Bauten wie die Dome in Köln, Worms und Speyer; das Münster in Strasbourg, die neu errichte Frauenkirche in Dresden, der Antlitz sich auf den 1945 zerstörten Vorgängerbau bezieht und die ich noch als Ruinen-umstandenen Schuttberg im Zentrum Dresdens kenne.
Worms und Speyer sind in ihrer Grundstruktur romanisch und geprägt von wuchtigen Steinfassaden mit kleinen Fenstern. Köln und Strasbourg entstanden in der filigranen und himmelwärts gewandten Gotik, die Frauenkirche ist ein voluminöser Barockbau. Was all diese Bauwerke auszeichnet ist eine schiere Größe – Zeichen der kirchlichen Macht früherer Zeiten. Auch die späteren Kirchenbauwerke des späten 19. und früheren 20. Jahrhunderts zeigen dies, so die Christuskirche in der Heidelberger Weststadt. Deren markanter Turm ist Stadtbild-prägend.
Ich betrete diese Bauwerke und fühle mich klein. ich blicke die Pfeiler hinauf und fühle mich klein. Ich sehe die riesigen Kirchenschiffe und fühle mich klein. Und das soll ich wohl auch. Ich soll unbedeutend sein, erschaudern vor der Macht der christlichen Konfessionen; soll in diesen Orten Gewahr werden, dass da oben ein Wesen ist, das über allem steht.
So mag es den – gläubigen – Menschen vergangener Epochen gegangen sein. Aber soll ich mich deshalb auch so fühlen? Soll ich dieser Machtdemonstration erliegen? Hier beginne ich zu zweifeln, beginne einzuordnen und zu hinterfragen.
Nicht nur mit christlichen Glaubenswelten bin ich in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Berührung gekommen, auch mit der muslimischen Glaubenswelt. Grundkenntnisse darüber hatte ich schon aus meiner Schulzeit. Gerade in der langen Zeit in der Systemgastronomie lernte ich Menschen muslimischen Glaubens kennen. Vor allem den Kollegen, der erst seine Hadsch machte und danach sehr strikt seine Gebetszeiten einhielt, einschließlich des rituellen Waschens der Füße. Doch nicht nur dieser Kollege brachte mich mit dem Islam in Kontakt. Während des Ramadans war unter den gläubigen Kollegen Ausnahmezustand. Es wurde trotz anstrengender Arbeit gefastet. Auch während meiner letzten Wochen im Impfzentrum spielte der Ramadan eine Rolle. Ein Kollege hatte es mit Sonnenuntergang eilig und wollte nach Hause. Das Gegenstück bildet eine frühere Bekannte, der der Islam eher egal war, und für die ihre Religion nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte.
Ich nahm diese Berührungspunkte eher gleichgültig, teilweise wohlwollend zur Kenntnis. Dachte mir mit meiner nicht-militanten Herangehensweise: „Soll doch jeder das glauben und danach leben, wie sie/er es für richtig hält. Solange diese Einstellung im Privaten bleibt, ist das für mich in Ordnung.“ Das plötzliche unangekündigte Verschwinden des einen Kollegen zum Gebet sorgte deshalb bei mir für Unmut. Auch wenn der Laden voll war, ich allein in der Küche stand und mich am liebsten vierteilen wollte, ging er seinen religiösen Handlungen nach. Das verstand ich damals nicht und mag es auch heute nicht verstehen.
Kurzer Einschub:
Es gibt, neben einigen anderen, einen bestimmten Film, der an mehreren christlichen Feiertagen nicht öffentlich aufgeführt werden darf, weil in ihm angeblich „Gotteslästerung“ betrieben wird. Es ist „Life of Brian“ der britischen Komikertruppe „Monty Python“. Für mich ein Klassiker, den ich zu oft gesehen habe und der so viele Zitate und Bonmots enthält, die in die Alltagskultur übergegangen sind. Selbst Bekannte die wesentlich jünger sind als ich können mit der Steinigungsszene, dem „Schwanzus Longus“ oder „Zur Kreuzigung? Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe. Jeder nur ein Kreuz.“ und dem Abschlusslied „Always look on the bright side of life“ etwas anfangen. Ein Film der in seiner Entstehungszeit, den späten 1970er Jahren verhaftet ist und die Zerstrittenheit der politischen Linken auf ein religiöses Motiv – das Werden des Christentums und der Frage nach dem „richtigen“ Messias – überträgt. Er führt damit das Wesen der Religion ad absurdum und bricht es auf seinen wahren Kern herunter. Ein Film, der zu meinem Weltbild einen wichtigen Beitrag geleistet hat und den ich auch nach 40 Jahren noch als sehr wegweisend empfinde. – Einschub Ende.
Ich bildete mich weiter. Nahm mir sogar vor, die Bücher des christlichen und islamischen Glaubens zu lesen. Dies ist leider bis heute nicht geschehen, bleibt aber ein Ziel. Auch wenn mir dies noch fehlt, so sind Glaubensbekenntnisse und deren Entstehung mir doch nicht fremd. Einen Teil dazu trägt auch das Buch „Erzählende Affen“ von Samira el Ouassil und Friedemann Karig bei. Eine von dessen Kernthesen lautet: Der Mensch braucht Geschichten und Helden für sein Überleben und das Verstehen der Welt. Und so sind Religionen aus diesem Hintergrund entstanden; anfangs vor allem um die Natur zu verstehen. Donnerte es, so machte sich in der griechischen Kultur Zeus seinem Unmut Luft; warf Blitze und wurde laut. Auch die abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam entstanden aus dem leichteren – und vermeintlich logischen – Verständnis für die Welt. So wurden über einen langen Zeitraum von mehreren Autoren das Alte und Neue Testament und der Koran geschrieben. Den Menschen dieser Zeit wurde erzählt, dass diese Bücher die Worte des einen, wahren, Gottes enthielten, gesammelt von einem Propheten, und die für sie die Grundlage allen Handelns sein sollten. Und da diese Bücher eben ihre Entstehungsgeschichte haben, bezeichne ich sie als eben dies: Geschichtensammlungen. Unabhängig davon gibt es von keinem dieser drei Werke die einzig wahre Urfassung. Stattdessen wurde gerade der Koran immer wieder neu zusammengestellt. Glaubende Menschen mögen dies als einen Angriff auf ihre Religion verstehen. Warum? Warum beschäftigt man sich als glaubender Mensch nicht mit den Hintergründen seines Glaubens? Ich bin auch nicht streng wissenschafts-„gläubig“, sondern offen für neue Erkenntnisse.
Und hier beginnt meine Selbstbezeichnung zu wackeln. Ich nehme Abstand, von meiner nicht-Militanz. Dieser Prozess ist noch recht neu und durch Erlebnisse der letzten Monate geprägt. Gespräche mit einer ehemaligen Kollegin, die ihren Glauben sehr deutlich zeigt, haben dieses Umdenken beschleunigt. Ich bin unvoreingenommen, offen und teils wohlwollend in unsere Gespräche gegangen, habe dies eigentlich auch bei meinem Gegenüber erhofft. Trotz des offensichtlichen Glaubens hatte ich den Eindruck, dass diese Kollegin eher ein modernes Denken besitzt. Ich habe mich geirrt. Mir wurde eine volle Breitseite des einzig wahren Bekenntnisses, das alle anderen Glaubensbekenntnisse und selbst das Wesen der Welt und des Universums für sich vereinnahmt, entgegen geschleudert. Urknall? – findet sich im Koran; Schwarze Löcher? – finden sich im Koran; Dunkle Materie? – im Koran. Jesus? – auch dazu findet sich etwas im Koran. Der Koran als alleiniger Wegweiser durch die Welt. Davon musste ich mich erstmal erholen. Fragen zu meinem Weltbild? Fehlanzeige. Argwohn darüber, dass ich ein „Ungläubiger“ bin? Vermutlich. Ein anderer Kollege desselben Glaubens regte sich über die Regenbogenflaggen bei der Fußball-WM in Qatar auf? Auf meine Frage nach dem Warum wurde mir mit der Religion geantwortet. Dass Homosexualität unnatürlich sei und der Mensch doch einzig zur dauerhaften Fortpflanzung existiere wurde nachgeschoben. Auf meinen Einwand, dass es Homosexualität im gesamten Tierreich gäbe, kam keine Antwort. Leider bekam ich auf meine Frage, was ihn persönlich daran störe, dass sich zwei Menschen lieben – unabhängig vom Geschlecht – keine Antwort mehr, da unser Gespräch unterbrochen wurde. Später wollte ich eine weitere Diskussion vermeiden, kochte aber innerlich.
Und dann gibt es da dieses Weltbild der Kreationisten – Menschen die voller Überzeugung behaupten, dass die Welt und der Mensch das Werk eines übernatürlichen „Schöpfers“ seien. Und dies wird mit der Beobachtung der Natur begründet. Hier steigt in mir Übelkeit auf, gepaart mit kopfschüttelndem Unverständnis. Wie ignorant kann man eigentlich sein? Ist es der Sinn des eigenen Lebens, dass man selbst etwas Besonderes, etwas „ von Gott geschaffenes“ sei; dass man sich über alle anderen nicht-menschlichen Wesen dieser Welt erhebt? Und doch ist man winzig ob der schieren Machtdemonstration der Kirchen. Das ist für mich sehr absurd. Und es lässt mich meine nicht-Militanz langsam vergessen. Es lässt mich vergessen, dass ich glaubenden Menschen mit wohlwollender Gleichgültigkeit und Interesse entgegentrete. Eben weil mir diese verbohrte Ignoranz und die Unfähigkeit, das eigene Sein zu hinterfragen zuwider ist. Ich bin nur ein winziges Sandkorn auf diesem Planeten, das zufällige Produkt einer milliarden Jahre andauernder Aneinanderreihung chemischer und physikalischer Prozesse. Aber ich bin mit einer Denkmaschine ausgestattet, die mir eben diese Erkenntnis bringt.
Ich blicke oft nachts in den Sternenhimmel. Sehe die vielen kleinen Lichtpunkte, die so ewig weit entfernt sind. Und ich fühle mich winzig. Fühle ich mich deswegen unbedeutend? Irgendwie schon. Ist mein Leben deshalb unbedeutend? Nein! Auch wenn ich nicht diesen Halt in einem Wesen aus jahrtausende-alten Geschichten habe, so kann ich doch etwas sein – etwas bewirken. Und ich muss mich dabei nicht von Grunde auf schuldig fühlen, wie es der christliche Glaube fordert. Habe ich deshalb keinen moralischen Kompass, der die Welt in „Gut“ und „Böse“ einteilt? Jein! Den Kompass habe ich, nur hat dieser nicht nur zwei Pole, sondern Vieles dazwischen. Es gibt in meinem Weltbild nicht nur Schwarz und Weiß – „Gut“ und „Böse“ – es gibt viele Graustufen dazwischen. Und ich setze die beiden Begriffe nicht grundlos in Anführungszeichen – sie sind ein Zeichen religiösen Universalismus’.
Mag ich nach diesen Ausführungen noch ein Wohlwollen gegenüber allumfassenden Religionen zeigen? Definitiv nicht. Ist mein Weltbild dadurch gefestigter geworden? Ja. Werde ich in Zukunft nicht mehr an diesem Weltbild rütteln – es mittels neuer Erfahrungen und Erkenntnisse einer Prüfung unterziehen? Ebenfalls nein – siehe Einleitung.
Und wo ich mich so über das Wesen von Glaubensbekenntnissen äußere, darf ein Punkt nicht fehlen: Die Absurdität im Umgang des deutschen Staates mit den christlichen Konfessionen in Bezug auf – die bereits oben erwähnten – Feiertage.
Es gibt in Deutschland, bezogen auf alle Bundesländer, insgesamt 21 gesetzliche Feiertage. Davon haben nur 5 einen nicht religiösen Hintergrund: Der Neujahrstag (01.01.), der Weltfrauentag (08.03, nur in Berlin und MV), der 01. Mai, der Weltkindertag (20.09., nur in Thüringen) und der „Tag der Deutschen Einheit“ (03.10.). Alle anderen haben einen religiösen Hintergrund. Warum gibt es soviele? Rekordhalter ist die Stadt Augsburg mit 14, davon nur drei ohne Bezug zum Christentum.
Ich wäre sehr dafür, alle 5 nicht-religiösen Feiertage auf Bundesebene einzuführen und wenigsten 10 christliche Feiertage zu streichen. Stattdessen sollte den Arbeitnehmern mindestens 5 zusätzliche Urlaubstage zu freien Verfügung gegeben werden. Das vor dem Hintergrund, dass der Einfluss der christlichen Konfessionen im Alltagsleben zurückgedrängt werde sollte.
Hiermit möchte ich diese in Worte gefassten Gedanken vorerst beenden. Ich habe bei Weitem nicht alles gesagt und Vieles nur angekratzt. Vielleicht folgt noch ein weiterer Text.
Eure Gedanken dazu könnt Ihr gern in die Kommentare packen.
Gehabt euch wohl!
René M. | 2022-12-24
(Ja, ich schreibe diesen Text an einem halben Feiertag)