Willkommen zur ersten Etappe.
Vom sonnigen Südwesten Deutschlands reisen wir in den nordwestlichsten Zipfel von Dalarna.
— SnusTux|René M. – 12/06-2026
Teil 1: Beginn des Experiments – 17. – 19. Juni 2011.
– 1391km –
Jetzt gilt es! Ein Experiment beginnt heute, Freitag 17. Juni 2011.
Nach mehreren Monaten intensiver Planung starten drei Personen in zwei Autos zu zwei unterschiedlichen Reisen, die sich gelegentlich berühren werden.
Wir starten halb 8h morgens, bei Sonne ein paar Wolken und 14°C. Die anderen Reisenden geben die Schlagzahl vor. Trotz großem Verkehrsaufkommens fahren sie mit Tempomat – ein Wagnis. Bis zum frühen Nachmittag haben wir schon recht viele Baustellen gesammelt. Nach einigen kürzeren Pausen naht jetzt die Zeit des Abschieds. Es ist kurz nach eins und wir sind in Schwarmstedt – 100 Kilometer vor Hamburg. Bei sonnigen 20°C sind die anderen Reisenden für die nächsten 10 Tage auf sich allein gestellt. Einzig via Telefon werden wir kommunizieren können.
Ich schwenke wieder gemütlich auf die A7 ein. Etwa drei Stunden später erreiche ich Kiel. Unterwegs passiert so einiges: Kurz hinter Soltau passiert mich eine 25-Fahrzeuge-umfassende Kolonne der Landespolizei NRW; im Elbtunnel werde ich zu einer Vollbremsung genötigt; durchs Hamburger Stadtgebiet geht es nur schleppend, die Gegenrichtung ist komplett dicht; graue Wolken und ein paar Tropfen ab HH lassen nichts Gutes erwarten.
Punkt 16 Uhr ist Ankunft in der Fördestadt. Zeit für einen Abstecher zum Bülker Leuchtturm bleibt noch. Kurz vor fünf fahre ich zurück in die Stadt zur Fähre. Da die Stenaline in diesem Jahr ihre Flotte umstrukturiert, wird es zum Lotteriespiel, ob ich mit einem alten oder neuen Schiff fahre. Leider trifft letzteres zu. Den Riesenkahn darf ich kurz vor halb sechs unter die Räder nehmen. In meiner kleinen Kabine kann ich mich erstmal von den knapp 700 Autobahnkilometern ausruhen, ehe gegen 19h meine Runde ums Schiff beginnt. Die Förde-Ausfahrt bei grauem Himmel und wenigen Sonnenstrahlen will ich mitnehmen. Die Stadt steht ganz im Zeichen der beginnenden Kieler Woche. Bin eine Stunde auf Deck und halte bis Bülk durch, dann wird es mir zu kalt. Zeit zum Futtern. Das kulinarische Angebot ist eine große Enttäuschung. Günstige warme Speisen, wie auf den alten Schiffen, suche ich vergeblich. Stattdessen gibt es Kekse und Wasser in der Kabine. Der Abend klingt mit Zeitung-lesen und Sonnenuntergang-fotografieren aus.
Nach einer eher unruhigen Nacht auf See erwache ich vor der schwedischen Küste. Es ist Samstag, der 18. Juni. Das recht leckere Frühstück entschädigt etwas für den gestrigen Abend. Nach ein paar Kaffees und Brötchen schwinge ich mich zurück aufs Oberdeck, um die Hafeneinfahrt nach Götet zu genießen und bildlich festzuhalten. Bei 15° und etwas Sonne ist es angenehm auf dem riesigen Deck. Ich lasse mir die Brise aus Meeresluft und Industrieabgasen ein Halbe Stunde um die Nase wehen. Mit Passieren der Älvsborgsbrücke begebe ich mich zurück zur Kabine um meine Sachen zu holen. Der lange Weg zum Autodeck erweist sich als schwierig. Vor den wenigen Aufzügen stauen sich die anderen Passagiere. Die Treppenaufgänge sind wiederum mit Bändern abgesperrt. Einige mogeln sich trotzdem durch, ich schließe mich an und erreiche nach einer langen Reise mein Auto. Halb 10 befahre ich wieder schwedischen Boden.
In Göteborg sind noch einige Dinge zu erledigen. Ich brauche eine neue SIM-Karte, etwas zu futtern, ein bisschen Snus und einen neuen Atlas. Da ich die kommenden Wochen kein Internet habe und mich nicht nur auf mein Navi verlassen will, brauche ich das papierne Kartenmaterial. Mit gefülltem Tank beginne ich eine gute Stunde später bei Sonnenschein meine Reise nach Norden. Vorbei am Freifall-Lisebergsturm geht es auf die E6. Schleppend passiere ich den Tingstadstunnel und bleibe bis Kungälv auf der Autobahn. Ab hier beginnt die Baustellenrundfahrt, aka E45 nach Trollhättan. Auf dieser wichtigen Trasse ist im letzten Jahr viel passiert. Leider wurde dabei vergessen, die vielen Blitzer zu entfernen.
Zur Mittagszeit – ich bin längst in Dalsland – mache ich Pause in Brålanda. Die Sonne begleitet mich während meiner tempomatigen Reise auf der einzig wahren Straße Schwedens. Da ich mein erstes gebuchtes Quartier, im Vandrarhem in Karlstad, sehr früh erreiche, muss Zeit geschunden werden. Durch den Stadtlauf ist die gesamte Innenstadt dicht. Zum Touristenbüro (TB) schleiche ich mich über ein paar Umwege. Hier gibt es, neben dem aktuellen STF-Heftchen, auch ein paar Appetitmacher für Jämtland. Leider ist es immer noch zu früh zum Zimmer beziehen. So geht es raus nach Bergvik zum shoppen und schauen. Halb fünf bekomme ich endlich die Schlüssel für meine erste Schweden-Übernachtung. Kurioserweise kommen mir Zimmernummer und Lage sehr vertraut vor, war ich hier doch schon am 31. Juli 2008; sehr nette Überraschung!
In meinem Zimmer mit der hohen Decke stelle ich erfreut fest, dass die anderen Reisenden auch in Schweden angekommen sind. Sie haben meine SMS mit der neuen Telefonnummer erhalten. Die Kommunikation funktioniert! Während eines kurzen Ferngespräches berichten mir die beiden von der Südspitze des Landes.
Im warmen Licht der tiefstehenden Sonne begebe ich mich noch auf eine kleine Fotorunde um meine Unterkunft. Die roten Ziegelbauten auf Kasernhöjden sind dabei ein dankbares Motiv. Leider ziehen etwas später dunkle Wolken aus Süden heran.Auch der Wetterbericht im Fernsehen verheißt nichts gutes. Mit einem groben Plan für morgen schlummere ich sanft ein.
Statt Morgensonne begrüßt mich beim aufwachen ein grauer Einheitsbrei. Dieser 19. Juni macht seinem Wochentagsnamen (Sonntag) keine Ehre.
Ich will heute Schwedens längstem Fluss stromaufwärts folgen. Mein Navi habe ich dabei auf den festgesetzten Zielort Särna programmiert. Eine weise Entscheidung.
Bei 16 Grad beginnt diese Etappe in bekanntem Gebiet. Von Kasernhöjden geht es via Skåre zum RV62. Das Flößereimuseum lasse ich rechts liegen und stoppe erst am 60. Breitengrad am Rådasjö. Hier entstehen einige stimmungsvolle Sonntagsbilder. Halb 12 bin ich in Ekshärad. Statt Kirchenbesuch nur ein paar Bilder und ein kleiner Einkauf.
Bei Stöllet lege ich den nächsten Fotostopp ein. Endlich kann ich Klarälven ins rechte Licht rücken. Ab der nachfolgenden großen Straßenkreuzung befahre ich endlich Neuland. Anstatt auf den Inlandsweg nach Nordosten zu wechseln verbleibe ich auf der 62, dem Klarälvsweg. Meinem Navi schmeckt das nun garnicht. Die nächsten Stunden versucht es mich krampfhaft von einem Richtungswechsel zu überzeugen. Ich weigere mich beharrlich. Durch das langgestreckte Straßendorf Sysslebäck geht es weiter nach Norden. Unterwegs folgen weitere Fotostopps am Fluß.
Kurz vor zwei weist mich ein Schild darauf hin, dass ich ein anderes Land erreicht habe. Die schwedisch-norwegische Grenze – ein Witz! Einzig paar kleine Läden vorher – die wohl so einiges Hochprozentiges verkaufen – lassen das erahnen. Auf einer neu asfaltierten Straße fahre ich weiter gen Trysil. Nach diesem Ort ist hier auch Klarälven benannt, dem ich immer noch folge. In dem verschlafenen Dörfchen mache ich einen weiteren Stopp. Sonntagnachmittag ist alles geschlossen, einschließlich TB. Nur die Tankstelle protzt mit ihren astronomischen Benzinpreisen. Also weiter. Endlich hat mein Navi meinen Plan durchschaut und lotst mich ab jetzt sicher zurück nach Schweden. Bei wechselhaftem Wetter folge ich dem Trysilelva noch ein paar Kilometer, ehe ich diesem bei Engerneset verlasse und am Ostufer des langgestreckten Engeren weiterfahre. Mir gegenüber erhebt sich eine bis über 1.000 Meter hohe Fjällkette. Die muss festgehalten werden. Zwischen Engerdal und Drevsjø schrubbe ich Höhenmeter. Bis auf 800 Meter geht es hinauf, in diesen südlichen Breiten noch kein Kalfjäll. 15 Kilometer hinter Drevsjø erfolgt Grenzübertritt Nummer zwei. Dieser ist ähnlich unspektakulär wie der ein paar Stunden zuvor. Das dünnbewaldete Gebiet im äußersten Nordwesten Dalarnas halte ich in ein paar Aufnahmen fest. Richtung Idre bekomme meine erste ordentliche Dusche; kurz vor Särna den nächsten Muntermacher: eine Brückenbaustelle ist mit fiesen Schlaglöcher übersät. Die vorgeschriebenen 50 erscheinen mir sehr optimistisch. Die Schweden wollen hier oben statt einer Begrenzung der Geschwindigkeit eher eine Grenze des physikalisch machbaren aufzeigen. Aufgrund der vielen Kurven, Kuppen und Engstellen, bei gleichzeitig hohen Tempo-Vorgaben ist das die einzig mögliche Erklärung.
Kurz vor 6 Uhr am Abend erreiche ich das Vandrarhem in Särna, das sich in einem schmucken gelben Holzhaus befindet. Begrüßt werde ich von zwei kleinen Kindern die eher niederländisch denn schwedisch zu reden scheinen. Mit deren Vater erledige ich die Formalitäten und kann dabei noch eine Nacht hinzubuchen; auf der Seite von STF war dies nicht möglich gewesen. Das bringt mir einen entspannten Tag und Planungssicherheit. Das Obergeschoss, in dem sich mein Zimmer befindet, entpuppt sich als kleines Museum. Hier finden sich alte Kameras (u.a. eine Praktika) diverse Alltagsgegenstände und ein großes Schachspiel. Mein Zimmer ist klein und gemütlich, die Küche groß und komfortabel eingerichtet. Den sonnigen Abend lasse ich mit Bilderschau und Zeitunglesen ausklingen. Der experimentelle Urlaub hat begonnen; für die einen am Smygehuk, für mich in Nordwest-Dalarna.

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