Nach diesem intensiven Tag steht die Varanger-Halbinsel im Mittelpunkt. Zu Land und zu Wasser erkunde ich diese besondere Landschaft.
— SnusTux|René M. – 12/06-2026
Teil 7: Um Varanger – 05./06. Juli 2011.
300km
Der Morgen danach. Es war wunderschön! Dienstag, der 05 Juli. Ich erwache in meinem kleinen Zimmer in Berlevåg. Leider muss ich dieses recht bald verlassen, den beschaulichen Ort am Nordwestzipfel der Varanger-Halbinsel aber noch nicht. Kurz vor 11 bin ich wieder in der grauen Kälte. Mein erster Weg führt mich zum kleinen Hafen- und Regionalmuseum. Netterweise bekomme ich einen persönlichen Führer durch die Ausstellung. Ein vielleicht 20-Jähriger geleitet mich und erklärt mir recht viel. Leider verstehe ich nur sehr wenig, da er etwas lispelt und einen stark ausgeprägten Dialekt hat. Die Sprache unserer Wahl ist selbstverständlich Norwegisch, bei mir eher Skandinavisch. Im Museum findet sich sehr viel zur Geschichte Berlevågs. Auch hier zeigt sich wieder deutlich, wie die Besatzer Ende 1944 gewütet haben. In diesem Dorf wurde konsequent die Taktik der „Verbrannten Erde“ angewendet. Die Zeit des Wiederaufbaus ist vor allem durch das Entstehen zweier großer Hafenmolen geprägt. Speziell für Berlevåg ist die Verwendung besonderer „Bausteine“ für diese beiden äußeren Molen. Diese sind aus Tetrapoden, Betonklötzen mit 4 Spitzen, aufgebaut, welche auch als Logotyp für das Museum verwendet werden. Ein längerer Film zeigt den Bau von Revnes- und Svartoksmole mittels Tetrapoden sehr anschaulich. In einem kleineren Schuppen befindet sich ein Ausschiffungsboot, das bis in die 1970-er Jahre beim Waren- und Passagiertransport von und zu den Hurtigruten-Schiffen verwendet wurde.
Bevor ich das Dorf verlasse, lichte ich noch die vielen Möwen ab. Diese haben es sich in einem großen Lagerhaus gemütlich gemacht.
Kurz vor Mittag beginnt meine langsame Rückfahrt über die Küstenstraße entlang der noch immer rauen Barentssee. Nach 10 Kilometern erreiche ich den Leuchtturm von Kjølnes. Von hier erhasche ich noch einen letzten verschwommenen Blick auf Berlevåg. Gestern hatte ich mein nächstes Ziel noch flott passiert, heute halte ich in Kongsfjord. Ein recht markantes weißes Haus, mit einem Oldtimer davor, lädt zum verweilen ein. In dem Landhandel gibt es frischgebackene Waffeln. Während ich darauf warte schaue ich mich in dem kuriosen Häuschen um. Hier findet sich allerhand Plunder: Buddelschiffe, Wanduhren, Kleidung und anderes. Vieles davon hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Nach vielleicht 10 Minuten ist meine kleine Stärkung fertig. Während ich mich an eine Holzbank setze werde ich ob meines guten Norwegisch gelobt. Das hört man gern. Kurze Zeit später betritt ein Herr mit knuffigem Gesicht den Laden und setzt sich zu mir. Er ist vielleicht Mitte 30 und scheint aus dem Ort zu kommen. Ein längeres Gespräch beginnt, dass sich vor allem um die Sprache dreht. Irgendwann, auf die Frage nach dem Krieg, bringt er einen denkwürdigen Satz. Er meint, dass der Krieg das beste gewesen sei, was dieser Region passieren konnte. Einfach wegen der vielen deutschen Touristen. Waren es früher noch die Veteranen, so besuchen mittlerweile Kinder und Enkel die Varanger-Halbinsel um die Schauplätze zu erkunden, an denen die Väter und Großväter stationiert waren. Hmm… sehr rational gedacht. So gegen 2 Uhr verlasse ich den Landhandel, die Besitzerin bedankt sich auf Deutsch bei mir.
Ich mache einen kleinen Schwenk auf die Halbinsel Veines. Zuerst halte ich an einem Parkplatz. Dieser bietet allerdings kaum Aussicht. Deshalb beschließe ich über einen Feldweg bergauf zu hoppeln. Ein wirklicher Feldweg! In der Mitte Gras, links und rechts kleinere und größere Steine. Langsames vorankommen. Nach ein paar hundert Metern ist Schluss. Das reicht mir schon. Von diesem, etwas erhöhten, Standort bietet sich eine schöne Rundumsicht auf Kongsfjord, die Straße nach Berlevåg und das Meer. Die Sonne strahlt über einen tiefblauen Himmel. Fotostopp. Dieser ist gegen halb 3 zuende. Langsam hoppele ich zur Hauptstraße zurück. Es geht wieder bergauf ins Fjäll. Ich lasse mir viel Zeit und lege unterwegs einige Stopps ein. So auch am höchsten Punkt. Es gibt zwar keinen Parkplatz, weshalb ich nur kurz am Straßenrand halte und die Tafel verewige. Weiterfahrt ins grüne Tal nach Austertana und zur schnurgeraden Krüppelbirken-Allee. An der kleinen Kirche folgt der nächste Halt. Die ungewöhnlichen Bäume kann ich nun ins rechte Licht rücken. Während des 20-minütigen Stopps passieren mich fünf Autos. Gemütlich rolle ich, wieder am Tana, flussaufwärts. An einem weiteren kleine Parkplatz sind die großen Sandbänke des Flussdeltas gut zu sehen und werden auf Chip gebannt. Der namensgebende Ort ist gegen fünf erreicht. Es folgt ein kurzer Einkauf samt TB-Besuch.
Zurück auf der E6 geht es nun ostwärts. Sehr schnell wird aus dem grünen Tal eine kahle Hochfläche mit, erneut, verkrüppelten Birken. Der Varangerfjord ist in der Ferne zu erkennen. Zurück am Meer pausiere ich mal wieder. Es beginnt eine 60-Kilometer andauernde Achterbahnfahrt durch unbewohntes Gebiet, dessen Landschaft der Vidda um Kautokeino ähnelt, einschließlich kahler Gebirgsketten im Hintergrund. Kurz hinter der Ortschaft Neiden verläuft die Europastraße entlang eines weiteren Fjords. An dessen Ende finden sich Warntafeln, die ein militärisches Sperrgebiet ankündigen. Die Grenze zu Russland ist nicht mehr weit, ebenso Kirkenes. Auf dem Weg in die „große“ Stadt passiere ich meinen Übernachtungsplatz. In Kirkenes angekommen, kundschafte ich noch den Schiffsanleger aus um für den morgigen Tag Bescheid zu wissen. Laut einer Hinweistafel kann ich ab 10:30 Uhr verladen werden. Es bleibt also genug Zeit und ich habe es nicht weit. Nach dieser kleinen Stadtrundfahrt, samt unsichtbarer Farthinder, zuckele ich ein kleines Stück westwärts zu meinen ausersehenen Platz bei Hesseng zurück. Es ist keiner mehr da, aber der Platz ist geöffnet. Während eines kurzen Telefonats werden mir die Formalitäten mitgeteilt (Stell Dein Zelt auf den Platz und bezahle morgen. Du kannst das Geld – habe 165:- Kronen verstanden – notfalls in einen Briefkasten werfen). Der Zeltaufbau gestaltet sich ob der Mücken recht schwierig. Aber nach einer halben Stunde ist es geschafft. Während ich mit die anderen Reisenden sms-e entsteht langsam eine Umräumliste für den morgigen Tag. Es gibt einiges zu tun! So gegen 11 Uhr verfalle ich in einen leichten Dämmerschlaf. Ein weiterer intensiver, sonniger, Tag geht zu Ende.
Die Nacht ist erwartbar unruhig. Den Mittwoch-Morgen verbringe ich mit Zeltabbau und umräumen. Außer Essen und Technik brauche ich nicht viel für die kommenden Tage. Statt das Übernachtungsgeld in den Briefkasten zu werfen warte ich bis 10 und bezahle an der Rezeption. So werden aus 165:- Kronen nur noch 135:-. Sehr gut! Es kann losgehen. Kurz darauf bin ich wieder am Hafen von Kirkenes. Hier stehen schon mehrere Busse für Hurtigruten-Kurzausflügler bereit. In dem zur russischen Grenze sitzen zwei, mir wohl bekannte, Personen. Während diese beiden eine kleine Runde machen, fahre ich zum Schiff. Die MS „Richard With“ (RW) soll mich und meinen treuen Reisebegleiter aufnehmen. Gleich zu Beginn werde ich meine umgeräumtes und sortiertes Bordgepäck los; nur meinen Schlepptopp muss ich noch selbst tragen. Die Sonne brennt schon sehr heftig. Halb elf ist längst vorbei. Ich gehe aufs Schiff, während die blaue Schweden-Limousine im Licht des hellen Sterns steht und langsam zur fahrenden Sauna mutiert. An der Rezeption erhalte ich meine Bordkarte und eine Karte fürs Auto. Im Gegensatz zu vielen anderen kann ich in die Kabine Nummer 394 beziehen, da diese bereits in Besitz genommen ist. Kurz vor 11 Uhr bin ich in meinem Quartier für die nächsten knapp 4 Tage. Abladen und dann langsam zurück zum Auto. Obwohl ab 11.30h bereits verladen werden soll, dauert es noch fast 1 Stunde länger, bevor alles an Bord ist. Warten .
Ausgestattet mit dem Zielhafen Trondheim unter dem Scheibenwischer, werde ich an Bord gelotst. Über eine Rampe und einen Autolift geht es in das Deck 2. Ein Junge weist mir den Platz zu, direkt neben dem grauen Fahrzeug mit demselben Zielhafen. Der Schlüssel wird für spätere Rangiermanöver unter den Scheibenwischer geklemmt. Geschafft! Mache noch eine kleine Runde, ehe ich zur 394 zurückgehe. Dort erwarten mich bereist die Grenzreisenden, die sogleich ihre neuen Bordkarten erhalten. Kurz vor 13 Uhr legt die RW in Kirkenes ab. Erster Hafen ist Vardø. Diese östlichste Stadt Norwegens erreichen wir am Nachmittag. Wir sitzen im Panoramadeck und beobachten das Treiben im Hafen. Dabei ergeben sich ein paar amüsante Motive. Danach geht die Fahrt weiter nach Båtsfjord, immer entlang an der kargen Küste der Varanger-Halbinsel. Nach der Abfahrt in dem kleinen Küstenort wird es für mich interessant. Wir nähern uns Berlevåg. Gestern und vorgestern war ich noch auf dem Land dorthin unterwegs gewesen. Vorbei am Leuchtturm von Kjølnes geht es in den Hafen. Hier wage ich mich in den kalten Wind um ein bisschen zu fotografieren. Der Ort und die großen Molen kommen auf meine Speicherkarte. Unterdessen ankert ein altes Schiff auf dem Meer, die „Nordstjernene“. Dieses alte Hurtigrutenschiff nimmt später unseren Platz in Berlevåg ein. Es ist sehr kalt, ich ziehe mich zurück und lasse meine Fahr- und Wanderziele der vergangenen Tage an mir vorbeischwimmen – Tanahorn und Tanafjord. Während wir uns der Küste der Nordkyn-Halbinsel nähern, ziehe ich mich ins Bett zurück.

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