Ein Reiseexperiment – Teil 6


Es folgt mein Höhepunkt der gesamten Reise – ein Tag an’s Ende der Welt, durch eine kahle, subpolare, Gegend. Zum Abschluss lugt die mitternächtliche Sonne durch Regenwolken.

— SnusTux|René M. – 12/06-2026

Teil 6: Das letzte Stück – 04. Juli 2011.
– 358km –

Montag Nummer Drei. Seit letzter Woche habe ich fast FÜNF Breitengrade geschafft. Ich bin in Karasjok und es beginnt ein ganz besonderer Tag.

Mein winziges Zimmer verlasse ich gegen 10 Uhr. Es ist recht angenehm. Ein paar Wolken und 15 Grad. Nachdem gestern nichts auf der Bank zu holen war, besorge ich mir erst einmal ein paar norwegische Kronen und mit diesen etwas Futter. Kurz darauf beginne ich meine Fahrt entlang des Tana-Flusses. Stromabwärts geht es zwischen sanften Hügeln nach Norden. Die Landschaft wirkt auf mich surreal. Der dichte Baumbewuchs und die vielen Schleifen des Flusses erinnern mich stark ans einheimische Neckartal. Diese Landschaft halte ich während einiger Fotostopps fest. Auch an ein paar Stromschnellen pausiere ich. Gegen eins ist das Dorf zum Fluss erreicht. In Tana fülle ich den Tank für einen unverschämt hohen Preis auf.
Nach einer Brückenüberquerung geht es am östlichen Ufer auf einer kleinen Straße weiter nordwärts. Ich bin auf der Varanger-Halbinsel angekommen. Neben mir erstreckt sich mittlerweile das riesige Delta des Flusses und gibt in der Ferne den Blick auf den Tanafjord frei. Binnen kurzer Zeit wandelt sich die Flora. Die recht großen grünen Bäume weichen kleinen verkrüppelten Birken. Diese säumen auch einen schnurgeraden, fast 2 Kilometer langen, Straßenabschnitt. An diesem entdecke ich links von mir eine kleine Kirche, an der ich allerdings nicht halte. Ich bin allein auf weiter Flur. Gegenüber des „großen“ Verkehrsaufkommens auf der E6, ein paar Stunden zuvor, ist das hier die reinste Entspannung. Am Fjord angekommen macht die Straße einen abrupten Schlenker nach Südosten in ein grünes Tal zwischen hohen, kahlen, Bergen. Die Siedlung Austertana ist erreicht.

Dahinter weisen mich ein Schlagbaum und ein Schild auf das bevorstehende hin. Der nachfolgenden Streckenabschnitt ist im Winter für den Individualverkehr gesperrt und wird in dieser Zeit nur kolonnenweise befahren. Es geht bergauf. Das kahle Kongsfjordfjell ist unter meinen Rädern. Die Tafel mit der Passhöhe (326 Meter) muss ich ohne zu stoppen passieren. Kurz nach zwei halte ich auf einen großen Parkplatz und genieße die wirklich frische Luft. Ein paar Wolken sorgen für schöne Lichtspiele auf nahe gelegenen Bergen. Während der langen Pause entstehen einige schöne Aufnahmen. Kurz danach führt mich der Weg wieder bergab. Die Straße schlängelt entlang eines Flusses zur Barentssee. Ich passiere das Dorf Kongsfjord. Es ist kurz vor drei Uhr. Bis zum Tagesziel sind es noch 50 Kilometer. Diese führen entlang der wilden Brandung des Nordmeeres und erinnern mich sehr stark an die Europastraße zum Nordkapp. Es gibt aber einen riesigen Unterschied: Letztes Jahr bestritten viele Reisemobile den Weg ans nördlichste Ende des Kontinentes, heute bin ich fast allein. Die sehr gute Straße nimmt jede Bucht und jeden Fjällrücken mit. Einen einzigen kleinen Tunnel – typisch norwegisch mit einer Kurve – passiere ich unterwegs. Diese Strecke gefällt mir sehr gut.
Irgendwann tauchen ein paar Häuser am Horizont auf. Mein Tagesziel zeigt sich. Halb vier ist es erreicht. Ich bin in Berlevåg. Das Wetter ist umgeschlagen. Rau weht der Wind bei weniger als zehn Grad und Regen. Damit scheidet eine Nacht im Flatterzelt wohl aus. Stattdessen miete ich in dem zugehörigen Pensionat ein kleines Zimmer. 600 Kronen kostet mich der Spaß. Aber ich habe ein festes Dach über dem Kopf. Netterweise dient meine Unterkunft gleichzeitig als TB für den Ort. An der Wand entdecke ich eine Karte auf der ein Aussichtspunkt in der Nähe verzeichnet ist. Dazu gefragt gibt mir der Quartierbesitzer einen kleinen Zettel mit, auf welchem zwei Wanderpfade eingezeichnet sind. Einer führt an der Küste entlang und ist mit acht Kilometern recht lang; der andere verläuft über’s kahle Fjäll und ist bequemer und kürzer. Außerdem bekomme ich den Tipp, die Straße zum kleinen Fjällwanderparkplatz weiter bis zu deren Ende in Store Molvik zu fahren. Es würde sich lohnen!

Obwohl ich schon über 300 Kilometer gefahren und recht fertig bin, beginne ich diesen zweiten Tagesabschnitt. Ich passiere Berlevåg und fahre danach am örtlichen Flugplatz vorbei. Jetzt beginnt endlich wieder Grusväg; vielleicht 12km. Der Wanderparkplatz hat seine Bezeichnung nicht verdient und ist nur eine kleine Ausbuchtung an der Straße. Aber erstmal nach Molvik. Die Grusvägstrecke bis dorthin ist eher von der schlechteren Sorte und so geht es nur langsam voran.
Es ist halb 5. Ich bin am Ende der Straße. Auf einem Schotterplatz halte ich. Der Blick ist atemberaubend! Ich komme mir vor, als wäre ich am Ende der Welt. Deshalb wirken die einzelnen kleinen Häuser am Meer irgendwie deplatziert. Mein Blick schweift über den breiten Tanafjord, auf dem sich ein paar Sonnenstrahlen zeigen, nach Westen. Dort erstreckt sich die kahle raue Küste der Nordkyn-Halbinsel mit ihren vielen Fjorden und kleineren Buchten. Wüsste ich es nicht besser, würde ich mich in Island oder Grönland wähnen. Die subpolare Landschaft hat mich in ihren Bann gezogen. Ruhig packe ich meine Fotoausrüstung aus und beginne meine Umgebung in Bilder umzusetzen. Die Hoffnung, dass die Aufnahmen etwas werden ist groß. Während einer guten halben Stunde entstehen nicht nur Einzelbilder sondern auch ein paar Panoramen aus BKT’s.

Da ich unbedingt noch den Aussichtspunkt erreichen möchte räume ich meine Sachen wieder zusammen und fahre die Grusvägstrecke langsam wieder zurück. Einen letzten Blick auf Häuser und Fjord erhasche ich während einer weiteren kurzen Pause. Mehrere Minuten später ist die Haltebucht am Wanderweg erreicht. Ich bin nicht allein. Neben mir stehen zwei Reisemobile aus dem Hamburger Raum. Rucksack richten, Schuhe tauschen, Stöcke und Handschuhe mitnehmen und dann geht es kurz nach halb 6 los.
Es ist windig, auflandig aus Nord-Nordwest und mir mitten ins Gesicht blasend. Trotz des einfachen Geländes – Wiese und leicht bergauf – geht es nur langsam voran. Bin nach den über 320km schon ziemlich fertig. Einige kürzere Verschnaufpausen lege ich unterwegs ein. Der letzte Kilometer führt über ein Geröllfeld. Na toll! Kurz vor Schluss folgt dann noch ein kurzer knackiger Anstieg zum Aussichtspunkt, dem Tanahorn. Der Weg ist die ganze Zeit mit schwarzen und roten Stangen markiert, sodass ich mich nicht verlaufen kann. Oben angekommen, auf über 250 Höhenmetern ist es immer noch windig. Außerdem geht es nach 3 Seiten steil bergab. Da ich nicht sonderlich schwindelfrei, bin lege ich nur einen kurzen Beweisfotostopp am Horn ein. Danach ziehe ich mich auf bequemeres Gelände, etwas unterhalb der Bergspitze, zurück und mache vielleicht 20 Minuten Pause. Nahezu bedeckter Himmel. Nur über dem Tanafjord und der Nordkyn-Halbinsel zeigen sich gelegentlich ein paar Sonnenstrahlen. Vor mir erstreckt sich eine nahezu kahle Hochfläche mit ein paar grünen Einsprengseln. Im Hintergrund erheben sich ein paar weiß gefleckte Hügel. Neben mir die steilen Abhänge zur Barentssee. Auch hier oben wage ich mich an ein Panorama. Statt der D90 darf diesmal die Tizzy ran. Ich will, dass die Bilder etwas werden! Gegen sieben trete ich den Rückweg an. Der Wind kommt jetzt von hinten. So stiefele ich beschwingt und mit Dauergrinsen Richtung Auto. Obwohl ich meine normalen Handschuhe vergessen habe sind meine Finger wohlig warm – ein paar zweckentfremdete Arbeitshandschuhe tun es auch! Noch über eine kleine Holzbrücke, dann bin ich, nach gut 2 Stunden, wieder bei meinem treuen Reisebegleiter. Mit diesem rolle ich die letzten Kilometer zurück zum Pensionat. Ich bin fertiger als fertig!
Jetzt beginnt das Hoffen und Bangen auf ein besonderes Erlebnis in diesen Breitengraden. Der im Haus aushängende Wetterbericht für Berlevåg verspricht nichts Gutes dafür. Ich setze mich an den Rechner und beginne die Bilder des Tages zu sichten. Die Store Molvik-Aufnahmen sind etwas geworden! Sehr schön!

Irgendwann gegen halb 11 werde ich von einem lauten Tuten aus meiner Arbeit gerissen. Ein Schiff ist da! Mit der Tizzy bewaffnet geht es zum Kai. Der Hurtigrutendampfer „Polarlys“ hat im Hafen angelegt. Sehr schön. Ein Vorgeschmack auf die weitere Reise. Einige Leute sind dem Geräusch gefolgt und schauen dem Spektakel zu. Wegen des kalten Windes hält es mich nur gut 10 Minuten draußen. Während dieser kurzen Zeit beobachte ich auch die Wolken. Sie scheinen sich etwas zu lichten. Mein Plan für die Nacht und das erhoffte Erlebnis scheint aufzugehen. So erwarte ich im Zimmer gespannt die 12. Stunde. Da sich auf einem weiteren Aushang im Haus die genauen Zeiten dafür finden, kann ich gut planen. Der Blick aus dem Fenster zu ein paar Bergen im Südwesten erweist sich als sehr praktisch, da hier gut zu sehen ist, ob sich der helle Stern zeigt. Exakt um 00:08 Uhr soll er am tiefsten stehen.

So gegen 23.45h ist es dann soweit. Mit der Kameratasche bepackt geht es nach draußen. Es regnet leicht, aber zwischen den Wolken blinzeln ein paar Sonnenstrahlen hindurch. Mitternachtssonne! Der Wind sorgt für klamme Finger, der Regen für beschlagene und betropfte Gläser. Vor allem bei der Kitlinse wirkt sich das nachteilig aus. Aber egal! Das Licht ist sehr speziell und schön. Die Stimmung wieder sehr surreal. Mit meiner Schätz-Methode beginne ich die mitternächtlichen Aufnahmen. Zwischen den recht dicken dunklen Wolken lugt ab und an die Sonne hervor und taucht Berlevåg in ein warmes Licht. Über dem gesamten Szenario fliegen ein paar Möwen umher. Ständig die Gläser putzend, genieße ich mein erstes Mitternachtssonnen-Erlebnis. Der leichte Regen hat auch seine Vorteile. Er lässt im Süden einen wunderschönen Regenbogen entstehen. Der Punkt auf dem „I“! Nach fast einer Stunde schlendere ich zu meinem Zimmer zurück. Ich bin glücklich! Die Müdigkeit ist zwar da, wird aber von der Euphorie verdrängt. Am Rechner sichte ich noch die Bilder. Viele sind, trotz spezieller Fotomethode, geworden. Alles hat gepasst! Auch die widrigen Wetterumstände haben sich nicht besonders negativ ausgewirkt.
Langsam klingt der bisher intensivste Tag der gesamten Tour aus. Während ich entspannt einschlafe, genießen meine Mitreisenden ihre letzte Nacht auf Magerøya, nur gut 100 Kilometer Luftlinie nordwestlich von mir.

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