Ein Reiseexperiment – Teil 2


Hej.
Etappe zwei führt uns weiter nach Norden, mit der einzigen großen Stadt Jämtlands als Ziel. Unterwegs gibt es viel Wasser zu bestaunen.

— SnusTux|René M. – 12/06-2026

Teil 2: Hoch hinaus – 20. – 22. Juni 2011.
– 714km –

Der Urlaub beginnt nun richtig. Es ist Montag, der 20. Juni 2011. Ich bin in der Pampa Dalarnas.
Nach dem Frühstück buche ich erstmal das Quartier für 3 Personen in 3 Wochen. Als Zwischenstopp der Rückreise bietet sich dieses nette Vandrarhem sehr an.
Für diesen Tag hab ich mir eigentlich nicht viel vorgenommen, will nur zu einem Wasserfall. Bis es soweit ist schlendere ich noch ein bisschen durch Särna. Es kleines, feines, Dorf zwischen Österdalälven und RV70. Zwei Kirchen, ein TB, ein kleiner Ica, eine Tankstelle, ein paar Häuser – mehr gibt es hier nicht. Nach meiner nicht ganz trockenen, 15°C kühlen, Fuß-Fotorunde futtere ich noch ein bisschen und bereite mich für den folgenden Nachmittagsausflug vor.
Ziel ist Njupeskär, wohl Schwedens höchster Wasserfall, gelegen im Nationalpark Fulufjäll. Auf dem 30km-Weg dorthin passiere ich zum zweiten Mal die nette Brückenbaustelle von gestern. Rumms! Rumms!
Nach zwei weiteren Fußkilometern erreiche ich schwer bepackt das senkrechte Wasser. Ein paar hundert Meter davor stoppe ich auf dem Holzsteg und mache meine ersten Langzeitversuche (=LZ) mit ND-Filter und Kitlinse. Nach vielleicht 20 Minuten nähere ich mich der hölzernen Aussichtsplattform weiter. Ein paar Gegenlicht-Bilder landen unterwegs auf meiner Speicherkarte. Dort angekommen, will ich nur ein bisschen Pause machen, und nicht fotografieren – doch es sind zuviele Leute hier. Letztlich baue ich dann doch wieder mein Stativ auf. Das entpuppt sich als sehr weise Entscheidung, entstehen doch so ein paar sehr spezielle Aufnahmen im Gegenlicht.
Gegen halb drei packe ich meine Sachen zusammen und begebe mich auf den Rückweg. Dieser führt gut beschildert durch eine Wald- und Sumpflandschaft. Anders als hinzu wähle ich eine Strecke über einen Hügel. Bei aufziehendem Regen entdecke ich in der Ferne die Fjällkette oberhalb von Idre. Mehrere Minuten später ist mein Auto erreicht. Im Naturum daneben gibt es die erste fika. Während es draußen aus Eimern gießt, beschließe ich, danach zum gesichteten Fjäll zu fahren. Wobei sich genau dieses Fjäll kaum mit dem Auto er-fahren lässt. Kurz nach 4 bin ich mal wieder in Idre und nehme die Strecke zum Nipfjäll unter die Räder. Stetig geht es auf einer asfaltierten Straße bergauf, vorbei an großen Wintersportanlagen. Nach gut 10 Kilometern endet die gute Straße auf einem riesigen Parkplatz. Nur ein Grusväg, der erste des Jahres, führt weiter bergauf – ich erklimme Schwedens höchstgelegene Straße! Deren Endpunkt liegt auf gut 1.000 Metern und mündet in einem kleinen Parkplatz. Endlich Kalfjäll!
Hier oben angekommen, ist da halb links dieser Steg mit Holzstufen der auf einer Berg führt. Ich kann nicht widerstehen. Wanderschuhe und Stöcke raus; Rucksack mit Kamerageraffel und Futter aufgesetzt. Genau jetzt erwartet mich das nächste Schmankerl. Eine recht große Rentierherde hat es sich auf dem Parkplatz gemütlich gemacht. Sie versüßt mir den Start zur ersten kleineren Wanderung, welche eigentlich nur aus einem kurzen Anstieg besteht. Dieser kommt mir immer länger und steiler vor. Nach gut 10 Minuten erreiche ich einen Stein, der mir als Sitzgelegenheit dient; die letzten paar Meter bergauf lasse ich sein. Pause! Aussicht genießen! Ich bin auf knapp 1.100 Metern, auf dem wahrscheinlichen Dach der gesamten Reise! Es ist zehn nach fünf. Bei Sonnenschein und ein paar Wolken versuche ich meine Stimmung in ein paar Bildern festzuhalten. Das gelingt ganz gut, auch bei der ominösen Fjällkette – Städjan genannt. Vom hiesigen Standort zeigt sich deren schmale Seite, die noch beeindruckender ist. Für das Idrefjäll, ein Wintersportgebiet, gilt dies nicht. Kurz nach halb sechs trete ich den Rückweg an, da sich dicke dunkle Wolken breit machen. Rechtzeitig erreiche ich meinen 4-rädrigen Reisebegleiter. Eine weitere halbe Stunde später beginne ich die Rückfahrt gen Idre. Der kleine Abstecher nach Gränjåsvallen am Städjan lohnt sich weniger. Im großen Wintersport-Dorf kaufe ich noch ein und rutsche gemütlich nach Südosten zurück, zum dritten Mal durch die Brückenbaustelle. Gegen 20 Uhr erreiche ich das gelbe Häuschen in Särna. Ende eines beeindruckenden Tages!

Nach mehreren Stunden erholsamen Schlafes erwache ich zu meiner dienstäglichen Etappe gen Norden.
Dieser 21. Juni ist ein Tag ohne klares Ziel. Ich will nur weiter hinauf, da für den Mittwoch ein Zimmer in Östersund gebucht ist. Nun muss ich nur noch diese eine Nacht irgendwo bleiben.
Nach Frühstück, Zimmerputz und Autopacken befahre ich zum vierten Mal die Kupferstrecke nach Nordwesten, einschließlich der Rumms!-Rumms!-Brückenbaustelle. In Idre angekommen besuche ich das TB, um die Öffnungszeiten das Fjällmuseums in Funäsdalen zu erfragen – was auf meiner Liste für heute steht. Nunja, bis 17h sollte ich in Härjedalen sein. Auf meiner sonntäglichen Anfahrtsroute überquere ich die Grenze nach Norwegen zum dritten Mal. Es ist halb 12. Einheitsgrau; kein Regen; kühl. In Norwegen folge ich dem RV26 nach Norden. Zwischen hohen kahlen Fjällketten hindurch führt die Strecke ins Fylke Sør-Trøndelag. In diesem findet sich auch mein nächster Stopp, die Welterbestätte Røros. Diese Stadt erreiche ich am frühen Nachmittag. TB-Besuch und Zeitungskauf – das war’s. Weiter geht es zurück nach Schweden. Der unspektakuläre Grenzübertritt Nummer vier erfolgt gegen drei Uhr bei starkem Wind und nur noch 8°C. Bis Funäsdalen sind es jetzt noch knappe 30 Kilometer. Das dortige Fjällmuseum bietet einen sehr anschaulichen Einblick in das karge Leben im Fjäll, sowie Kultur und Leben der Sami in diesem Gebiet. Nach einer lehrreichen Stunde mache ich meine obligatorische fikarast mit Kaffee und Kanelbulle. Während dieser Pause darf ich den anderen Reisenden mit meinen Sprachkenntnissen aushelfen. Beide sind auf dem Weg nach Lönneberga und sollen sich kurz vorher im dortigen Vandrarhem melden. Genau das mache ich für sie. Alle Formalitäten lassen sich klären und die Südreisenden sind zufrieden.

Was jetzt folgt, mag verrückt klingen, ist aber wahr: Ich will eine „Nacht“ auf Flatruet bleiben. Sofort dorthin zu fahren erscheint mir etwas zu früh. Stattdessen geht es ein paar Kilometer zurück Richtung Grenze zum Anderssjöafall. Diesen hatte ich auch 2009 schon besucht. Am heutigen, grauen, frühen Abend ist nichts los. Ohne Stativ – eine Bank tut es auch – versuche ich mich an ein paar LZ’s im untersten Bereich des Wasserfalles. Mit leichtem Gepäck erklimme ich anschließend den Holzsteg. Mehrere Pausen summieren sich zu einer guten Stunde. Das Zeitschinden hat begonnen. Ganz gemächlich trete ich gegen halb sieben den Rückweg an. Jetzt gilt es! Dankbarerweise ist der Grusväg ab Funäsdalen in einem sehr gute Zustand, viel besser als im Jahr zuvor. In einem Kalfjällbereich vor Mittådalen mache ich einen weiteren Fotostopp. In der Ferne zeichnet sich die Straße über das karge Hochplateau ab, nur gesäumt von einer Freileitung.
Die Straße ist gut, das Wetter mies. Gegen 20 Uhr erreiche ich meinen Lagerplatz auf 975 Metern Höhe. 6°C. Sturm! Dummerweise habe ich mit der Fahrerseite zum Wind geparkt, sodass mir kalte Luft von links ins Auto pfeift. Mit einem kleinen Umparkmanöver stelle ich mich frontal zum Wind. Ich möchte unbedingt freie Sicht nach Nordwesten haben, denn irgendwo dorthinten muss das Helagsfjäll sein.
Gegen die Kälte versuche ich mich mit dicken Klamotten und einer Jacke zu schützen. Es wird mir kaum gelingen. Der Parkplatz bleibt meist leer. Nur ab und zu verirren sich ein paar Autos hier hoch. Einzig ein Pickup, der kurz vor 22h ankommt bleibt über zwei Stunden. Sonst bin ich alleine. Zum Zeitvertreib lese ich eine interessantes, im Museum erworbenes, Heftchen über Mittådalens sameby. Irgendwann ist auch das erledigt. Auch nach drei Stunden keine Wetterbesserung. Die Wolken fliegen vielleicht 100 Meter über mir hinweg. Es wird immer kühler. Nur noch 4°C.
Längst muss die Sonne unter dem Horizont verschwunden sein. Leider habe ich davon nichts mitbekommen. Bis jetzt – es ist Mitternacht – hat sich auch Helags noch nicht gezeigt. Meine geplanten, schönen, Motive lassen sich nicht mehr umsetzen. Aber ich habe noch eine andere Möglichkeit.

Bis es soweit ist, springen noch zwei Schlummer-Stündchen in der kürzesten Nacht des Jahres raus.
Halb drei Uhr morgens breche ich meinen Übernachtungsversuch ab. Bei drei Plusgraden und unvermindertem Sturm mache ich noch ein paar Abschiedsbilder vom Flatruet und beginne anschließend meine Weiterfahrt gen Norden. In mein Zimmer in Östersund kann ich wohl erst ab 14h. Bis dahin gilt es noch 11 1/2 Stunden zu überbrücken. Kurz hinter Skärkdalen steht ein erster Wecker im Schummerlicht. Ein Elch, der sich kaum gegen die dunklen Bäume abzeichnet. Uff! Gegen 3 Uhr erreiche ich Ljungdalen. Die Grusväg-Strecke ist zu Ende. Ich schwenke nach Osten. Ziel ist ein Parkplatz am Mellerst-Rotsjön. Diesen hatte ich 2009 ausersehen und 2010 besucht. Auf den knapp 30 Kilometern dorthin überrascht mich Elch Nummer zwei. Diesen kann ich besser sehen und auch fotografieren. Er scheint nur ein bisschen sauer zu sein, dass ich ihn bei seinem Frühstück störe. Am See-Parkplatz bin ich gegen 4 Uhr. Noch 10 Stunden. Nun aber! Bei kühlen 5°C und weniger Wind bereite ich meine Ausrüstung vor. Stativ raus, Kamera mit Fernauslöser drauf. Während der folgenden 4 Stunden beobachte ich die aufgehende Sonne, welche die Fjäll-Landschaft in schöne warme Farben taucht. Bilder entstehen mit allen Gläsern und allen Filtern. Irgendwann verstaue ich das Stativ wieder im Auto und arbeite per Hand weiter. Kurz nach 8 Uhr rufe ich im Vandrarhem in Östersund an und erhalte die Gewissheit, dass ich noch 6 Stunden zu überbrücken habe. Bis in die Großstadt sind es laut Navi noch gut 160 Kilometer. Ich bin müde. Kurz darauf beginne ich die gemächliche Fahrt, der Sonne entgegen, nach Åsarna an der E45. Die Straße ist leer. Die 10 Grad und der leichte Wind sind recht angenehm. Warum konnte es ein paar Stunden vorher nicht so sein?! Bei Skålan mache ich meine Frühstückspause und melde mich kurz bei den anderen Reisenden. Ab hier wird es anstrengend. Müdigkeit und komplizierte Straßenverhältnisse sind eine bescheidene Kombination. Bis zur E45 passiere ich zwei kürzere Grusväg-Abschnitte und eine längere Baustelle samt Passage derselben mit Führungsfahrzeug. Dieses brettert mit mehr als 50 über dem Splitt-übersähten, knapp 3 Kilometer langen, Straßenabschnitt. Geschafft! Gegen 10h bin ich zurück am Inlandsweg, erstmals seit Karlstad. Die nächste Pause mache ich in Svenstavik, wo ich beschließe, meine Strecke aus Zeitgründen direkt an den Großen See zu verlagern. Nächster Stopp ist deshalb die Kirche von Hackås. Noch 3 Stunden Zeit. Was nun? Das schöne Wetter bringt mich auf den Gedanken, den Aussichtsturm auf Frösön zu besuchen. Hier bin ich nahe an meinem Zielort, kann aber auch viel Zeit überbrücken. In einem Trance-ähnlichen Zustand fahre ich entlang des Storsjö weiter nach Norden auf die Insel. Da das Navi seit Väster-Rotsjön wegen der Ankunftszeit auf das Vandrarhem programmiert ist muss ich mich auf meine geringen Ortskenntnisse und Intuition verlassen. Mit Hilfe der Beschilderung finde ich den Weg auf Anhieb. Als Muntermacher stellt sich eine Baustelle an der Auffahrt zum Turm heraus. Dieses steile Straßenstück wird dadurch noch heftiger. Auch das ist geschafft, als ich halb eins den Turm erreiche.
Der Kaffee im Turmcafé zeigt keine Wirkung. Mit müden Augen begebe ich mich zu Turmaufzug, der mich auf die hölzerne Aussichtsplattform bringt. Bis halb zwei bleibe ich hier oben. Der pfeifende Wind ist endlich wieder da – hatte ihn schon vermisst. Bilder entstehen bei guter Sicht mit allen 3 Gläsern (Nikkor 18-105; Nikkor 35 F/1.8; Tamron 70-300). Abwärts! Für die letzten 5 Kilometer bleiben mir noch 30 Minuten. Eine Runde über die Insel mit ein paar absichtlichen Umwegen folgt und es ist fast 14 Uhr. Nun noch über die Brücke in die Stadt. Das Vandrarhem finde ich auf Anhieb. Nur parktechnisch bin ich blöd, was nach fast 30 wachen Stunden kaum verwunderlich ist. Den Fünfer für den Papierlappen hätte ich mir schenken können. Bei der Anmeldung erfahre ich, dass reservierte Parkplätze für Gäste zur Verfügung stehen. Sehr gut! Die ganz neue Übernachtungsmöglichkeit befindet sich im ersten Stock einer ehemaligen Feuerwache. Mein komfortables Zimmer ist sogar mit Dusche ausgestattet. Nach den letzten 2 Tagen eine wahre Entspannung. Halb 4 beginne ich noch einen kleinen Stadtbummel durch das Zentrum von Östersund. Unterwegs Futter fassen. Am frühen Abend plane ich die Etappe für den folgenden Tag und buche die zugehörige Unterkunft. Neuland will erschlossen werden!
Ein sehr kontrastreicher Dienstag geht zu Ende. Vom Kalfjäll in die Großstadt.

Teil 3 (Klick)

Alle Beiträge zur Tour (Klick)

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