Dresden im Juni 2021 – Weitere Bilder & Gedanken
Willkommen zurück.
Dieser Text bildet eine Fortsetzung zu meinem sehr ausführlichen Artikel vom letzten Oktober.
Ich war nun erneut für ein paar Tage in der großen Stadt an der Elbe und habe dabei weitere – auch neue – Eindrücke gesammelt.
Zur besseren Orientierung habe ich den Beitrag in vier thematische Kapitel gegliedert.
Die gesamte Galerie findet Ihr diesmal am Ende des Textes.
Viel Spaß bei dieser weiteren (Gedanken-)Reise.
Beginnen wir mit einem der großen Neubaugebiete der Stadt – Prohlis.
Entstanden in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren, war es in meiner frühen Kindheit ein Sehnsuchtsort. Moderne Wohnungen mit viel Ausstattung und Fernwärme – ein krasser Kontrast zum Altbau mit Kohleofen, in dem ich damals wohnte. Und das nur einen Steinwurf entfernt.
Während meiner Dresdner Jahre kam ich in den Genuss, verschiedenste Wohnungen der DDR-Fertigteile-Ära besuchen zu dürfen. Damals und heute gab es dafür zwei Begriffe: das eher ehrfürchtig-sehnsuchtsbeladene – bereits erwähnte – »Neubaugebiet« und das abwertende »Plattenbausiedlung«. Gerade ersteres Wort war bei mir damals in Gebrauch.
Ich war häufig in Leuben, bei meinen Großeltern väterlicherseits, zu Gast. Sie lebten damals in einer recht geräumigen und eher hellen 2-Zimmer-Wohnung mit winzigem Badezimmer, ebenso winziger Küche und riesigem Wohnzimmer mit Balkon davor – sehr angenehm und mit Wohlfühlfaktor, vielleicht auch wegen der modernen Ausstattung.
Ein besonderes Detail waren und sind die Tast-Lichtschalter, die so viel mehr Funktionen erfüllen konnten und können, als das klassische »Ein|Aus« von Kipp-Lichtschaltern:
So ließen sich mehrere Lampen eines Raumes steuern. Irgendwie angenehm und praktisch – aber doch gewöhnungsbedürftig.
Letzteres galt auch für die Küche, die vielleicht 4m² maß und zum Wohnzimmer mittels Durchreiche verbunden war. Platz war dort für höchstens 3 Personen – die sich dann allerdings sehr nahe kamen und öfter mal im Weg standen. Erlebt habe ich das bei einigen Familienfeiern in großer Runde.
Auch in Seidnitz war ich als Kind recht oft. Dort war der Grundriss identisch und um ein (Kinder-)Zimmer erweitert.
Weniger Erinnerungen habe ich an die Besuche in Gruna und eben Prohlis. Allen Wohnungen war allerdings das riesige Wohnzimmer mit Miniküche und Durchreiche gemein.
Während ich so an diesem Text schreibe, beginne ich ein wenig zu recherchieren um welche Gebäudetypen es sich dabei gehandelt haben könnte. Recht schnell wird klar, dass es eben nicht der – DDR-weit so verbreitete und quasi Standard-Typ »WBS-70« – sein konnte. Bei diesem liegen die Küchen außen und haben ein Fenster. Bei all dem, was ich erlebt habe waren die Küchen stets innen. Also muss es sich um den früheren Typen »P2« oder eine Abwandlung desselben handeln. Dem ist auch so. Dazu gibt es im Stadtwiki von Dresden einen Artikel, der meine Vermutung bestätigt.
Mein letzter Besuch in einer dieser Wohnungen fand im Frühjahr oder Sommer 2000 statt – kurz vor meinem Wegzug aus Dresden. Über 20 Jahre lang habe ich dann keine Neubauwohnung mehr betreten.
Nun war es wieder so weit – bedingt durch den Umzug meiner Mutter in eine dieser kleinen Wohnungen in Prohlis: Es fühlt sich dennoch komisch an – auch wenn ich selbst in einem Wohngebiet der 70er und 80er wohne.
Hauptunterschied zwischen dem Emmertsgrund und Prohlis ist der Abwechslungsreichtum: Hier bei mir gibt es sehr verschiedenartige Wohngebäude, vom kleinen 2-3 geschossigen Reihenhaus bis zu 15-geschossigen Punkthochhäusern – alle in doch unterschiedlicher Architektur. Dazu gibt es einige spezielle Treppen-Hochhäuser, was der Topografie des Stadtteils geschuldet ist – der an einem leicht ansteigenden Hang liegt, was durch die Häuser architektonisch aufgegriffen wird.
Prohlis dagegen ist…
Monoton.
Und grau.
Und doch irgendwie grün.
– Das trifft auf den Emmertsgrund aber noch wesentlich stärker zu.
Die langen Fassaden in Prohlis schrecken ab, mögen sie auch durch die Modernisierungs- und Umbauarbeiten der Nachwendezeit entschärft worden sein. In mir macht sich trotzdem Unwohlsein breit.
Bedingt mag das vielleicht auch durch meine Gymnasialzeit sein, wo ich am östlichen Ende von Prohlis eine der vielen Typenschulen besuchte und den restlichen Stadtteil weitgehend mied.
Schwer zu beschreiben das alles.
Deshalb möchte ich ein paar Bilder von Prohlis zeigen.
Mein Sinnbild für ein Neubaugebiet.
Diese 10-geschossige Häuserzeile erstreckt sich über 300 Meter entlang der Prohliser Allee – die Bäume sind nach gut 40 Jahren recht imposant geworden.
Es gibt allerdings noch einige Wohnblöcke, die nur wenig oder überhaupt nicht saniert wurden und den klassischen DDR-Charme haben, so wie an der Finsterwalder Straße.
Der Zahn der Zeit hat an den Häusern genagt – die omnipräsente Kieselsteinstruktur der Platten ist gut zu erkennen.
Und der Anblick dieser Fassade macht mich traurig: Vermutlich wohnen in diesen wenig bzw. unsanierten Blocks eher Menschen, die finanziell sehr schlecht dastehen und froh sind, überhaupt eine Wohnung zu haben.
Die typischen DDR-Gardinen, die im vorletzten Geschoss zu erkennen sind, bestätigen diesen Eindruck.
Spazieren wir weiter durch Prohlis…
Überall Platten.
– Und so gut wie keine Menschen.
Es wirkt so leer und einsam.
Es wirkt abstoßend und monoton, trotz der vielen Bäume.
Auch hier sehe ich keine Menschenseele – Einsamkeit in der Großstadt.
Markant sind die 16-geschossigen Punkthochhäuser, anhand derer Prohlis sehr gut im Elbtalkessel zu finden ist. Gerade nachts fallen sie durch die beleuchteten Treppenhäuser auf – selbst von den 15 Kilometer entfernten Radebeuler Weinbergen.
Der allmorgendliche Anblick während meiner Gymnasialzeit – immer noch sehr präsent in meinen Erinnerungen.
Der Spaziergang geht langsam zu Ende.
Ein paar Lichtblicke möchte ich Euch aber abschließend noch zeigen.
Ihr erinnert Euch vielleicht an dieses Bild aus dem August 2019:
Verspielte Gründerzeitarchitektur in Göteborg.
–
Knapp zwei Jahre später setze ich die Idee in Prohlis um:
Größer könnte der Kontrast kaum sein.
So ganz unbelebt ist es dann aber doch nicht.
Das Neubaugebiet mit seinen vielen Bäumen bietet Unterschlupf und Nistplätze für viele Vögel. Diese besuchen dann auch häufig die Balkone.
Gerade in den Morgen- und Abendstunden ist der Gesang sehr präsent und bringt wohltuende Abwechslung ins Grau der Plattenbauten.
Es gibt weitere Überbleibsel aus der Entstehungszeit von Prohlis: schnöde wirkende und doch schöne Straßenlaternen – ein besonderes Stück DDR-Industriedesign.
Ein Stück Dresdner Geschichte – und des DDR-Designs – findet sich nach langer Zeit in der Versenkung am Albert-Wolf-Platz: die, von Leonie Wirth gestalteten, Pusteblumenbrunnen.
Während meiner Kindheit und Jugend standen sie auf der Einkaufsmeile Prager Straße im Zentrum und sind ein prägender Teil meiner Erinnerungen. Im Zuge des Umbaus der Straße nach 2000 verschwanden einige dieser Brunnen. Sie wurden erst 2009 am heutigen Standort aufgestellt.
Leider ist der gesamte Bereich um die Brunnen eher wenig einladend.
Trotzdem sind sie ein Kleinod der Stadt, das es zu entdecken gilt – und lohnenswert ist ein Besuch allemal. Hier gibt es etwas mehr zu den Pusteblumen.
Den zweiten Teil widme ich meiner alten Schule, bzw. dem, was daraus geworden ist:
In meinem letzten großen Text habe ich bereits ein paar Eindrücke geschildert und die Entwicklung des Geländes ein wenig beleuchtet.
Bei einem längeren Spaziergang durch Prohlis wollte ich nun sehen, was mit dem recht großen Gelände in den letzten 20 Jahren passiert ist.
So viele Erinnerungen hängen daran – immerhin war sie für 8 Jahre mein zweites Zuhause.
Unzählige Stunden habe ich im Gebäude, auf dem Schulhof, in der Sporthalle und auf dem Sportplatz verbracht. Alles nahezu vergessen und ins Dunkel meiner eigenen Geschichte verschwindend.
– Und das deckt sich auffallend mit dem Ist-Zustand der Anlage im Sommer 2021:
Statt Dunkelheit holt sich die hiesige Flora das Gelände zurück und verdeckt das Gewesene. Einzig Erinnerungen bleiben an die vielen Jahrgänge, die hier über mehr als 20 Jahre für ihr Leben lernten.
Der Abschied als Gymnasium war im Sommer 2004. Die Sächsische Zeitung berichtete damals darüber. 14/10-2026: Leider ist dieser Beitrag nur noch für zahlende Leser/-innen zugänglich. In diesem Artikel wird auch Frau Neumann erwähnt, die mich während meiner gesamten Gymnasialzeit begleitete und die ich bis heute in guter Erinnerung habe.
In den DNN von September 2015 findet sich ein kurzer Abriss über die Zeit danach und was damals geplant war. 14/10-2026: Der Beitrag ist leider nicht mehr verfügbar. Diese Pläne wurden nicht umgesetzt und schließlich im Sommer 2017 begraben, wie die SZ berichtete.
Schade.
Seitdem ist wenig passiert.
Das Gelände und die Gebäude vom Typ »Dresden Atrium« verfallen langsam.
Auf dem Sportplatz entdecke ich ein einsames Tor zwischen den sprießenden Pflanzen.
Gut zu erkennen sind die unterschiedlichen Farben des Untergrundes:
Die Rosatöne zeugen von der früheren Aschebahn, auf der ich unzählige Sprints absolvierte und nicht weniger oft zu Langstreckenläufen antreten durfte – gemocht habe ich das weniger.
Dahinter ist die Sporthalle zu erkennen, die in den späten 90er-Jahren mit einem modernen Hallenboden ausgestattet worden war.
Ich erinnere mich dabei noch an die damalige Ansage »Bitte nur mit abriebfesten Schuhen betreten!«.
Trotzdem lag immer ein Hauch von DDR über und in der Halle, was auch an den Sportgeräten zu erkennen war.
Die folgenden beiden Aufnahmen zeigen einen Blick in den riesigen Schulhof vor den beiden – versetzt angeordneten – Gebäudeteilen:
Ich erinnere mich an die eher kleinen Bäume, die auf Grüninseln wuchsen und dadurch die zubetonierte Fläche auflockerten.
Die Bäume sind mittlerweile recht stattlich – der Beton aufgebrochen und von Wildwuchs langsam überwuchert.
Dieser Anblick macht mich ein wenig traurig und fasziniert doch irgendwie – gerade der einsame Gartenstuhl lässt viel Raum für eine Hintergrundgeschichte: ein Stuhl mitten in der Natur und doch in einer Betonwüste – Kontraste und Brechungen.
Im oberen der beiden Bilder ist der frühere Hauptzugang in den Schulhof nur noch zu erahnen.
Die Fenster, die wohl noch im Originalzustand der späten 70er/frühen 80er Jahre sind, bieten einen kleinen Einblick in die dahinterliegenden früheren Klassenräume – einfach und doch durchdacht diese industrielle Schulbauweise, die lange das Bild der Neubaugebiete in der Stadt prägte und es bis heute tut.
In der Stadtwiki Dresden gibt es einen umfangreichen Artikel zu diesem typisch Dresdener Schultyp mit geschichtlichen Hintergründen.
Seitenwechsel.
Ich bin wieder zurück auf der Vorderseite; stehe auf dem riesigen Vorplatz, der mittlerweile mit allerlei Stolperfallen gespickt ist.
Dabei entsteht dieses vielsagende Bild, das ich auf Kniehöhe aufnehme:
Im Herbst 2020 schrieb ich folgende Zeilen zu meinen damaligen Eindrücken:
»Die Steine werden langsam überwuchert und doch fühlt es sich tot an.
Das Leben ist von diesem Platz gewichen.
Beim Anblick steigt tiefe Trauer in mir auf.«
An diesem Gefühl hat sich wenig geändert.
Erneut steigt Trauer in mir auf.
Gerade das »Leblose« trifft perfekt.
Hoffnung, dass sich an der Situation recht bald was ändern wird, habe ich kaum.
Früher oder später wird das Gelände so verfallen sein, dass sich eine Instandsetzung kaum noch lohnen würde. Es scheint alles auf Abriss und Neubau hinauszulaufen.
Dresden wächst – die Schülerzahlen steigen seit Jahren. Die Stadt braucht neue Schulen, gerade in einem so großen Stadtteil wie Prohlis.
Ich werde das Ganze aus einem Augenwinkel mitverfolgen.
Zum Abschluss dieses Kapitels ein Blick zum früheren Schulgarten und dem Teil des Gebäudes, in dem sich über mehrere Jahre mein Klassenzimmer befand – die Reihe oberhalb der dunklen Wandbemalung:
In diesem dritten Teil nehme ich Euch zu einer kleinen Besonderheit Dresdens mit.
Bei dieser Besonderheit habe ich einige Jahre meiner Jugend verbracht.
Es geht um die Parkeisenbahn – die ihre gut 5,5 Kilometer lange Runde im Großen Garten dreht.
Das nachfolgende Bild zeigt mich um 1994 am Straßburger Platz in Uniform – stolz darauf, ein Mini-Eisenbahner zu sein.
Meine Zeit bei der Parkeisenbahn währte etwa 4 Jahre – von Herbst 1991 bis Herbst 1995.
Die Erinnerungen daran sind teilweise sehr verblasst.
Sie beginnen in einer alten Villa gegenüber der Paluccaschule; mit allwöchentlichen Spaziergängen von der Straßenbahn dorthin und wieder zurück – oft bei Dunkelheit.
Und sie beginnen mit viel Geschichte:
Es war die Zeit des Umbruchs.
Die DDR hatte ein gutes Jahr vorher aufgehört zu existieren.
Von heute auf morgen wurden Spuren verwischt und Zeugnisse dieser vergangenen Zeit beseitigt – gerade bei früheren staatlichen Institutionen war dies nicht so einfach.
Und ich nutze den Begriff »staatlich« hier sehr bewusst: Die Parkeisenbahn hieß bis 1990 »Pioniereisenbahn« und war zwar der Stadt Dresden angegliedert, wurde aber von der DDR-Jugendorganisation »Ernst Thälmann« und der Deutschen Reichsbahn betrieben.
Binnen eines Jahres konnten aber keine neuen Dokumente und Handbücher gedruckt werden – keine neuen Uniformen beschafft werden. Stattdessen riss man Seiten heraus und entfernte Symbole.
Noch heute besitze ich das »Handbuch des Pioniereisenbahners«, das ich damals bei meinem Eintritt bekam und in dem sich die Grundlagen befinden. Heute ist es ein historisches Dokument, das trotzdem noch im Alltag der heutigen Parkeisenbahner angewendet werden könnte – an der Grundstruktur dieser Bahn hat sich wenig getan. Noch immer existiert das System der Betriebsabläufe, das in den 1950er Jahren entstand.
Im Winter war Schulung angesagt, im Sommer die »Arbeit« bei der Eisenbahn – beides einmal wöchentlich.
Nach dem ersten Winter startete ich am Haltepunkt »Karcherallee«, das Jahr darauf wechselte ich zum Bahnhof »Carolasee« – um 1994 meinen Dienst am Startpunkt »Straßburger Platz« zu verrichten und das letzte Jahr am Dreh- und Angelpunkt »Zoo« zu verbringen: ein klassischer Aufstieg, der Jahr für Jahr mit immer unterschiedlicheren Diensten verbunden war.
Am Zoo ging meine Zeit bei der Bahn auch zu Ende – ich hatte bald andere Interessen und die Schule wurde wichtiger.
2003 besuchte ich meine ehemalige Wirkungsstätte zum ersten Mal:
Der alte Bahnhof am Straßburger Platz war der Piëch’schen »Gläsernen Manufaktur« gewichen und etwas weiter südlich neu errichtet worden.
Damals wirkte alles noch sehr neu.
Ein Grund mehr, nach fast 20 Jahren mal wieder einen Besuch bei der Liliputbahn zu machen.
Die Pandemie sorgt für Einschränkungen.
Mein Ursprungsplan, nur einen Teil der Runde zu fahren, muss ich begraben – entweder Rundfahrt oder nichts. Zudem fährt nur ein einziger Zug, was zu recht langen Wartezeiten führt.
So vergeht eine gute halbe Stunde ehe ich den modernen Bahnhof betreten darf.
Nach dem Ticketkauf geht das Warten weiter.
Alsbald nähert sich ein vertrautes Stück Technik auf dem Nachbargleis:
Die EA01 – ein Stück DDR-Technikgeschichte und Industriedesign aus den 60er Jahren.
Schon damals war es möglich, aus gespeichertem Strom Bewegung zu erzeugen – ein Thema, das in den letzten Jahren immer wichtiger wird.
Nachdem die zurückkehrenden Mitfahrer den Zug verlassen haben, dreht der Minizug eine Runde durch die Wendeschleife um am Hauptbahnsteig einzufahren.
Auf diesem Bild sind die Dimensionen der Eisenbahn gut zu erkennen:
Die Spurweite beträgt gerade einmal 381 Millimeter. Lok und Waggons sind nur etwas mehr als einen Meter breit.
Meine Begleitung und ich steigen zu.
Wir setzen uns recht weit hinten in einen der überdachten Waggons.
Diese kamen erst nach meiner Zeit dazu und entstanden aus den alten offenen Standard-Vierachsern – gut bei schlechtem Wetter oder zu viel Sonne. Wie oft habe ich bei Regen in einem der offenen Waggons als Zugbegleiter gesessen und mir ein Dach gewünscht…
Dass es darin damals so eng zuging, muss ich wohl über die vielen Jahre verdrängt haben – zwei Erwachsene finden gerade so nebeneinander Platz; die Beinfreiheit ist sehr beschränkt.
Ich bin froh, dass wir nur zu zweit in einem Abteil sitzen und uns niemand gegenüber sitzt – meine langen Beine brauchen den Platz.
Um kurz nach eins beginnt die Fahrt.
Der Zug ist gut gefüllt – so wie es die Corona-Regeln zulassen.
Es fühlt sich komisch an – vertraut und doch fremd.
Die Schienenstöße sorgen für ein monotones und rhythmisches Geklacker – Dudumm-Dudumm, Dudumm-Dudumm.
Leichter Fahrtwind umweht meine Nase.
Die Bäume des Großen Gartens sorgen für viel Schatten.
Auf den Wiesen ist Hochbetrieb: Die Stadt ist in ihrer Wohlfühl-Oase unterwegs – Familien mit Kindern; junge Menschen.
Bald erreichen wir den Bahnhof »Zoo«. Mit Langsamfahrt passieren wir diesen.
Kaum was los in der Schaltzentrale.
Das alles ist mir so vertraut – die Zeit scheint stillzustehen: dieselben geduckten Gebäude; alles wie damals – bis auf die modernisierten Waggons.
Weiter geht es zum Carolasee. Auch hier hat sich gefühlt wenig geändert.
Der Bahnhof ist geschlossen, die Schranke oben.
Als Knirps durfte ich hier oft an dem schweren Rad drehen, um den Weg zu versperren – und den Zügen eine freie Fahrt zu ermöglichen.
Auch auf dem namensgebenden See ist viel los:
Familien genießen die Abkühlung des Wassers; der Springbrunnen in der Seemitte schießt kleinste Tröpfchen in die Luft.
In einer lang gezogenen Rechtskurve kann ich den Zug in fast gesamter Länge in Szene setzen:
Wir passieren meine allererste Wirkungsstätte an der Karcherallee.
Alles so winzig und unscheinbar – hutzelig.
Und doch irgendwie trist und kahl.
Ich weiß nicht recht, wie ich meine Gedanken- und Gefühlswelt beschreiben soll – es fällt mir schwer.
Vielleicht so:
Es ist dieses Lavieren zwischen dem Damals und dem Heute – zwischen den Erinnerungen und den neugierigen Beobachtungen; zwischen dem Mittendrin und dem Abstand von fast 30 Jahren.
Lebendige Geschichte.
Gerade diesem Knirps vor mir, mit seiner blauen Mütze, wünsche ich, dass er erzählt bekommt, was es mit dieser Eisenbahn auf sich hat:
– dass er gerade eine Zeitreise machen darf;
– dass er das Faszinierende an dieser 70 Jahre alten Eisenbahn erkennen kann – einem lebendigen Denkmal aus einer anderen Zeit und aus einem anderen Land;
– dass es etwas ganz Besonderes ist, gerade in diesem Moment in diesem Zug zu sitzen.
Ich genieße.
Das sanfte Klackern der Schienenstöße ist für mich wie Musik.
Vorfreude vor Geschwindigkeit entlang der Hauptallee.
Es war früher immer ein leichtes Achterbahngefühl hinter dem Bahnhof »Karcherallee«:
Abbremsen vor der Linkskurve, um danach mit Volldampf zur Mitte des Großen Gartens zu brausen.
– Heute wohl eher nicht. –
Oder nehme ich mit diesem zeitlichen Abstand Geschwindigkeit anders wahr?
Gut möglich.
Oder aber: Es geht heute doch mit etwas gemächlicherem Tempo voran.
Wer weiß…
Wir passieren den Palaisteich und ich lege das nächste Ziel des Tages fest.
Dazu mehr im letzten Teil.
Wenige Minuten später sind wir zurück am Zoo und passieren die Wagenhalle und den Lokschuppen – viele Gleise, viele Fahrzeuge.
Den letzten Kilometer zum Straßburger Platz bin ich nochmals im vollen Genießermodus.
Gedanken fliegen umher.
Ich sauge die vielen Eindrücke wie ein Schwamm in mich auf.
Ich weiß, dass es eine ganze Weile dauern wird, das alles zu verarbeiten – es werden letztendlich mehr als vier Wochen…
Die letzten Meter in der Minieisenbahn.
Am Start- und Endpunkt öffne ich die Metallkette des Abteils und verlasse langsam den Waggon und die Anlage.
Ein letzter Blick auf die moderne Architektur der »Gläsernen Manufaktur«.
Mein 12-jähriges Ich spaziert überglücklich von dannen – mein 39-jähriges Ich schweigt…
Im vierten und letzten Teil wechsle ich zurück in die Rolle des außenstehenden Beobachters – darin fühle ich mich am wohlsten.
Nach einem kurzen Abstecher zum Altmarkt fahren wir mit der Straßenbahn zurück zum Großen Garten.
Über die Querallee geht es gen Palais.
Erneut erhasche ich einen Blick auf den Carolasee.
Der Große Garten ist voller Sichtachsen – so lässt sich fotografisch räumliche Tiefe erzeugen.
Die Querallee zieht sich als breiter Betonstreifen durch die Parkanlage.
In der Ferne blitzt das massive Palais als Blickfang auf.
Erneut begegnet uns die Parkeisenbahn – deren Mini-Schienen ich zweimal quere.
Als wir den Zug zum ersten Mal sehen, suchen wir uns eine schattige Bank, um auf dessen Rückkehr zu warten.
Ich will die Möglichkeit nutzen, um ein paar Bilder als Beobachter zu machen.
Das gelingt sehr gut und lässt mich Eisenbahn und Großen Garten in Szene setzen.
Das Palais in der Mitte des Großen Gartens hat schon früher eine merkwürdige Faszination auf mich ausgeübt: Ich empfand es damals als beängstigend – eine verfallende Ruine; kein Platz zum Wohlfühlen.
Als Kind habe ich mich nie in dessen Nähe getraut.
Erst durch einige Seiten, die sich mit der Stadtgeschichte befassen, habe ich Zugang gefunden – Neugier und Interesse an diesem wuchtigen Barockbau.
Er ist der früheste in ganz Dresden. Der Wikipedia-Artikel zeigt sehr ausführlich dessen Geschichte.
Heute fühle ich mich hier wohl – Architektur und Geschichte sind meins.
Und gerade diese barocke Architektur hat meiner jetzigen Heimatstadt Heidelberg ihren unübersehbaren Stempel aufgedrückt.
Die nachfolgende Galerie zeigt die vielen Facetten der Anlage mitten im Großen Garten.
Die Bilder sprechen für sich:
Diese Kleinteiligkeit aus Stein ist besonders und doch so prägend für das Stadtbild Dresdens.
Der Park ist belebt. Viele Menschen sind unterwegs.
– und viele Vögel, so wie dieser Rabe, der gemütlich über die Wiese spaziert.
Nach dem Durchqueren des Großen Gartens möchte ich noch an die Elbe – möchte den vertrauten und doch neuen Blick vom Waldschlösschen über die Stadt erhaschen.
So fahren wir mit dem Bus durch Gruna, Striesen und Johannstadt zur Brücke und passieren unterwegs die Medizinische Akademie.
Von der Bushaltestelle auf der Brücke gelangen wir über einen kleinen Pfad hoch zu einem – 1936 errichteten – Pavillon mit schöner Aussicht.
Mein Blick schweift über die Elbwiesen zu den Türmen der Altstadt.
Davor wirkt die neue Brücke eher unscheinbar.
Passend dazu fährt ein Schaufelraddampfer der »Weißen Flotte« flussabwärts.
Fast alles, wofür Dresden bekannt ist, kann ich in einem einzigen Bild festhalten.
Zum Abschluss geht es nach Blasewitz an den Schillerplatz.
Vom »Blauen Wunder« schweift mein Blick ein weiteres Mal über die Elbe – nun zum Fernsehturm.
Ein Sommertag endet – ein Wochenende in Dresden endet.
Diese Reise fühlt sich viel unmittelbarer und direkter an als die letzte.
Das Schwanken zwischen dem Damals und dem Heute ist hier viel stärker als noch im Oktober 2020.
Ich habe diese Zeilen genutzt, um meinem Inneren seinen Raum zu geben; um zu verarbeiten – um Nähe und Distanz zu schaffen.
Ich merke, dass da noch viel unverarbeitet ist; merke aber auch, dass es mir nach dem Niederschreiben dieser vielen Zeilen schon etwas besser geht.
Es ist einfacher aus 500 Kilometern Entfernung darauf zu blicken – zu wissen, dass da viel ist und dass doch das Jetzt im Hier ist.
Diese Zeilen mögen irgendwas abschließen. Gleichzeitig bieten sie Raum für Neues.
Bei der Recherche zu diesem Artikel bin ich auf die Seite das-neue-dresden.de gestoßen, die sich mit der städtischen Architektur des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Ich entdecke beim Stöbern auf dieser Seite viel Neues und doch auch Altbekanntes; entdecke die Stadt für mich neu. Und ich kann dabei wunderbar in der Beobachterrolle des Außenstehenden bleiben.
Bei einem meiner nächsten Besuche, werde ich bewusst bestimmte Orte aufsuchen, zu denen mein Dresden-Ich wenig bis keinen Bezug hat.
Ich will und werde die Stadt neu für mich entdecken.
Danke, dass ihr mich auf dieser Reise begleitet habt.
Bis bald.
— SnusTux|René M. – 27/07-2021 (14/10-2026)









































