Ein Reiseexperiment – Teil 4


Auf dieser Etappe findet ein erstes Treffen statt.
Wir hoppeln gemeinsam ans Ende einer Straße in eine Hochgebirgs-Gegend.

— SnusTux|René M. – 12/06-2026

Teil 4: Erstes Treffen im Land der Sami – 28. – 30. Juni 2011.
– 870km –
Meine sehr unruhige, erste, Zeltnacht endet Dienstagmorgen. Es ist der 28. Juni, Tag 12 der Reise. Heute werden sich unsere Wege zum ersten Mal treffen. Ich bin noch auf dem Zeltplatz in Arvidsjaur, während die anderen Reisenden bereits auf der E4, von Skellefteå kommend, gen Norden fahren. Das erfahre ich bei einem Anruf gegen 9. Als Schnittpunkt unserer Touren haben wird den Ort Älvsbyn ausersehen, günstig am ersten Tagesziel gelegen und von beiden Startorten nahezu gleich weit entfernt.
Unterdessen verwandelt die Morgensonne meine Stoff-Unterkunft binnen kurzer Zeit in eine Sauna. Drinnen über 30°C, draußen knapp über 20. Die Belüftung ist schlecht. Frühstück und Abbau. Ich breche gegen 10 Uhr, bei wieder knallblauem Himmel, nach Osten auf. Etwa 90 Minuten Zeit bis zum Treffen habe ich noch. Da mein Navi etwas von 10:50 Uhr Ankunftszeit erzählt kann ich es ruhig angehen lassen. So wandele ich weiter auf den Spuren meiner 2003-er Tour und halte an einem See, der mir damals ein typisches Schweden-Motiv bot. Heute habe ich ähnliches Wetter und außerdem die Koordinaten des Sees. Sehr schön! Gleiches gilt für meine Vorbereitung. Auf einer Baustellenkarte für Nordschweden ist auf dem Streckenabschnitt Arvidsjaur-Älvsbyn ein Straßenausbesserungs-Bereich verzeichnet. Anfangs ist dieser mit 50 beschildert. Kurz darauf beginnt ein heftiges Grusväg-Stück. Fast 5 Kilometer holpere ich im Schneckentempo ostwärts. Meine Ankunftszeit nähert sich dabei immer mehr 11:30 Uhr.
Beinahe auf die Minute genau erreiche ich das TB des Polarbrot-Dorfes. Auf dem Parkplatz erwartet mich bereits ein graues Fahrzeug mit bekanntem Kennzeichen. Wir sind wieder vereint!
Zusammen fahren wir zu unserem ersten Etappenziel, Storforsen. Begleiter No.1 hatten schon 2003 meine Bilder davon so gefallen, dass er unbedingt mal dorthin wollte. Meine Schätz-Frage nach der Entfernung dieser Stromschnellen von Stockholm beantwortete er damals fast richtig: „300 Kilometer“. Naja, er hatte sich um Faktor 2,5 bei der Luftlinie und um Faktor 3 bei den Straßenkilometern verschätzt; es sind 740 bzw. 940km ab der schwedischen Hauptstadt!
Gegen 12 Uhr erreichen wir den Aussichtspunkt an der Hauptstraße nach Nordwesten, dem RV374. Pause. Begleiter No.1 zieht mit voller Ausrüstung bepackt los um ein paar Bilder zu machen. Begleiterin No.2 schlendert ein bisschen umher und ich bleibe am Auto und beobachte amüsiert die Szenerie. Einige Minuten später fahren wir zum großen Parkplatz direkt an den Stromschnellen. Dieser ist sehr gut gefüllt. Wir schnüren unsere Wanderschuhe und die Fotoausrüstungen und machen uns auf den Weg zum Holzsteg-Labyrinth. Die Sonne knallt, das Wasser des Pite-Älv rauscht. Mir erscheint der Fluss Wasser-reicher als 2003. Die nassen Fluten sind so stark, dass sich einige Bereiche garnicht, andere nur mit Mühe erreichen lassen. Während einer guten Stunde wandern wird durch den ohrenbetäubenden Krach. Unterwegs versuche ich mich an ein paar improvisierten LZ’s. Als Stativ dienen Holz-Geländer; die Belichtung durch den 1000-er Graufilter wird geschätzt. Mal sehen, ob die was werden. Meine Mitreisenden sind von Storforsen begeistert.
Kurz nach zwei sind wird zurück auf der Strecke und fahren weiter gen Norden. Unterwegs pausieren wir einige Male. Leider verdichten sich die Wolken unterdessen und ein paar Tropfen fallen. Über Inlandsvägen erreichen wir einen nicht unwichtigen Parkplatz und Zwischenziel Nummer zwei. Für die anderen Reisenden steht die erste Polarkreisüberquerung bevor. Diese „feiern“ wir mit Kaffee und etwas Süßen in dem kleinen Souvenirlädchen an der E45.
Gegen halb fünf nehmen wir die letzten 6 Kilometer nach Jokkmokk unter unsere Räder. Der obligatorische TB-Besuch samt eines kleinen Einkaufs folgen. Gegen 5 sind wir in unserem gemütlichen 3-Bett-Zimmer im gut bevölkerten Vandrarhem von Jokkmokk. Der graue Abend klingt bei einer ersten Tourbesprechung samt Bilderschau aus. Das improvisieren an den Stromschnellen hat sich gelohnt.
Ich bin innerlich stolz, dass dieser Tag für uns alle gepasst hat, und dass die anderen Reisenden eine ordentliche Portion Norrland bekommen haben. Eine helle Holzhütten-Nacht steht bevor.

Der Mittwoch beginnt sonnig. Dieser 29. Juni ist Tag 2 unserer gemeinsamen Reise. Wieder steht viel auf dem Programm. Doch zuerst frühstücken wir und brechen danach langsam unsere Zelte im Vandrarhem ab. Um sie ein paar hundert Meter gleich wieder aufzuschlagen. Wir sind am Fjäll- und Samimuseum Ájtte. Wenn schon Jokkmokk, der Hauptort der schwedischen Sami, dann doch bitte auch mit etwas Wissen über dieses teil-nomadische Volk Nordskandinaviens erkunden. Das Lavvú-eske Museum ist in mehrere Einzelausstellungen gegliedert. Wir erfahren sehr viel über das Volk, dessen Leben im Fjäll und die Region an sich. Für meine Mitreisenden gibt es all diese Informationen auch auf Deutsch. Zwei volle Stunden wandeln wir im Ájtte umher. Nach Auffüllen sämtlicher Vorräte begeben wir uns wieder auf die E45.
Nächstes Zwischenziel ist das Kraftwerks- und Inlandsbahndorf Porjus. Dieses erreichen wir gegen halb eins bei knalligen 25°C. Kurze Pause und Besuch des alten Kraftwerksgebäudes von 1915. Hier gibt es ein kleines Museum über die Geschichte der Wasserkraft in Schweden.
Nachdem es gestern schon recht viel Norrland gab, geht es heute munter weiter.
Ich hatte schon während der Planung dieser Tour eine besondere Fahrt ans Ende der schwedischen Fjällwelt erwogen. Ziel derselben sollte die kleine Siedlung Ritsem werden. Diese liegt am See Akkajaure gegenüber der sehr bekannten – vor allem durch das Buch „Nils Holgersson“ – Fjällkette Áhkká. In dieser kleinen Siedlung betreibt die STF (das, naja, „Gegenstück“ zum deutschen Jugendherbergswerk) eine Fjällstation. Dummerweise liegt Ritsem am Ende einer fast 150 Kilometer langen Straße, weit ab von jeglichem größeren Ort. Nur im Sommer bedient eine Buslinie aus Jokkmokk diese Häuseransammlung.
Gegen 13 Uhr begeben wir uns nun auf diese Straße ans Ende der Welt, hinein in das Weltnaturerbegebiet Laponia. Die ersten 90 Kilometer bis Stora Sjöfallet sind gut ausgebaut, sodass wir recht schnell vorankommen. Während die schneebedeckten Berge immer näher rücken, pausieren wir gelegentlich zum fotografieren. Einer dieser Stopps ist direkt am Lule-älv. Während Begleiter No.1 und ich fotografieren, meldet sich jemand aus dem greuen Fahrzeug und meint, dass etwas auf uns zukomme. Tatsächlich trotten uns zwei Rentiere gemächlich auf der Straße entgegen. Sie nähern sich uns auf vielleicht 150 Meter. Ein ausgezeichnetes Motiv! Mehrere Minuten später stapfen sie langsam ins Gebüsch, sodass wir unsere Reise nach Nordwesten fortsetzen können.
In Stora Sjöfallet weist uns ein Schild dezent auf kommendes hin: „Här slutar allmän väg!“ – „Die öffentliche Straße ist hier zuende – befahren auf eigene Gefahr.“ Es ist 14:30Uhr. Noch 50 Kilometer bis Ritsem! Das kommende ist eine asfaltierte Hoppelpiste. Diese knapp 3 Meter breite Strecke schlängelt sich zwischen steilen Bergen, rechts, und dem See, links, hindurch. Ständig finden sich Schilder mit Warnungen vor Steinschlag. Ich befahre diese Strecke mit mulmigem Gefühl, will aber unbedingt nach Ritsem! Meinen Mitreisenden im Wagen vor mir geht es nicht anders. Alle paar Kilometer pausieren wir, da das ständige Schalten und die hohe Schwierigkeit der Strecke sehr anstrengend sind. Halb links von uns kommt Áhkká immer näher. Ein majestätisches Fjäll. Nach fast 2 Stunden erreichen wir die Hütte in Ritsem. Ich verlasse mich auf die STF-Broschüre – hatte vorher nicht gebucht – und werde nicht enttäuscht. Nach recht kurzer Wartezeit können wir unser Zimmer mit Áhkká-Blick beziehen. Einzig störend sind die vielen Mücken, die uns gut bearbeiten.
Hier am Ende der Straße sitzen wir und starren nach Süden über den See. In mir reift die Idee, meine morgige Etappe zu ändern. (Keine Ahnung, was damals ursprünglich geplant war.) So rufe ich in Riksgränsen an und bestelle mein nächstes Quartier.
Sanft entschlummern wir in der roten Holzhütte am Akkajaure – mitten im Hochgebirge.

An diesem Donnerstag, dem letzten Junitag 2011, trennen sich unsere Wege leider wieder. Aber bis dahin ist noch ein bisschen Zeit. Diese verbringen wir mit einem Áhkkáblick-Frühstück in der sehr großzügigen Gemeinschaftsküche. Außer uns sind nur einige wenige Rucksack-Reisende zu Gast. Wir haben unsere Ruhe und genießen nochmals die schöne Aussicht.
Kurz nach 9, bei bewölkten 17 Grad, kehren wir Ritsem den Rücken und hoppeln langsam am Akkajaure zurück. An einem Wasserfall verabschieden wir uns voneinander. Ich düse mit etwas höherem Tempo als gestern davon und erreiche halb 11 die öffentliche Straße bei Stora Sjöfallet. Nochmal eine längere Fotopause, dann geht es weiter Richtung Inlandsvägen. An diesem wage ich einen verschämten Blick zurück und entschwinde auf Schwedens einzig wahrer Straße nach Osten. Es ist Donnerstagmittag.

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